Athlet unter Druck

Pistorius-Prozess: Zeugin hörte Hilfeschreie

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Oscar Pistorius soll seine Freundin "mit Absicht und gezielt erschossen" haben.

Pretoria - Oscar Pistorius ist gleich zu Beginn seines Mordprozesses in die Klemme geraten: Die erste Zeugin widersprach der Schilderung des südafrikanischen beinamputierten Sportstars.

Vor einem Jahr und 17 Tagen starb das blonde Model Reeva Steenkamp. Nun steht der Sportstar Oscar Pistorius wegen Mordes vor Gericht. Pistorius' Nachbarin Michelle Burger sagte, sie habe in der Tatnacht zunächst Schreie eines Mannes, dann einer Frau und danach Schüsse gehört. „Sie schrie furchtbar und rief um Hilfe“, berichtete Burger. Sie habe den Eindruck gehabt, dass sich die Frau in Lebensgefahr befunden habe. "Die Ereignisse dieses Abends sind extrem traumatisierend für mich. Die Angst in der Stimme dieser Frau ist schwierig vor Gericht zu beschreiben. Ich habe die Panik in der Stimme dieser Frau gehört", sagte Burger vor Gericht in Pretoria und blieb bei ihrer Aussage.

Pistorius-Freundin Reeva Steenkamp

Pistorius-Freundin Reeva Steenkamp (†): Juristin, Model und Fernsehstar

Zwischen den Schüssen später habe es eine größere Pause gegeben. Burger sagte, sie habe zunächst an einen Überfall im Haus des berühmten Nachbarn geglaubt. Burgers Haus liegt nach Unterlagen der Polizei 177 Meter vom Domizil des Angeklagten entfernt. Wegen diser Distanz zweifelte Verteidiger Barry Roux, dass Burger die unterschiedlichen Schreie und Schüsse genau habe hören können. Doch Pistorius' Nachbarin betonte: „Ich weiß wie sich ein Pistolenschuss mitten in der Nacht anhört“, und verwies auf die angeblich ruhige Sommernacht. Die Fenster seien geöffnet gewesen.

Schüsse oder Schläge mit dem Cricketschläger?

Roux bezweifelte, dass Burger die Schreie einer Frau gehört habe. "Wenn Herr Pistorius sehr große Angst hat, klingen seine Schreie wie die einer Frau", sagte der Anwalt, der an einem Punkt sogar die Ehrlichkeit der Wissenschaftlerin in Frage stellte. Daraufhin unterbrach ihn Staatsanwalt Gerrie Nel und erklärte, das sei ehrenrührig und sarkastisch. So etwas gehöre sich nicht gegenüber der Zeugin. Roux lenkte ein: „Ich nehme das zurück, (...) ich entschuldige mich für meine Bemerkung.“

Am Dienstag versuchte Roux erneut, die Glaubwürdigkeit der Nachbarin in Frage zu stellen. Während sie vier Schüsse gehört haben wolle - dies entspricht der Zahl der Schüsse, die Pistorius in der Nacht zum Valentinstag vergangenen Jahres auf seine Freundin abgab -, habe ihr Mann von fünf oder sechs berichtet. Die angeblichen Schüsse seien möglicherweise der Lärm gewesen, als Pistorius mit einem Cricketschläger seine Badezimmertür zertrümmert habe, nachdem ihm klar geworden sei, dass Steenkamp dahinter war.

Pistorius wirkt müde

Der südafrikanische Athlet wirkte am ersten Tag des Prozesses müde. In der ersten Reihe saß auch June Steenkamp, die Mutter des Opfers.

Der an beiden Unterschenkeln amputierte Pistorius wirkte am Dienstag müde. Nachdem er im Gerichtssaal Platz genommen hatte, begann er zu beten. Dem 27-Jährigen werden neben der "illegalen und vorsätzlichen Tötung" seiner Freundin das Tragen und der Einsatz verbotener Waffen vorgeworfen. Er habe seine Freundin mit Absicht und gezielt erschossen, sagte Staatsanwalt Nel. Der behinderte Profisportler hatte am Montag auf nicht schuldig plädiert und erneut von einem "tragischen Unfall" gesprochen.

Der Prozess soll drei Wochen dauern. Wegen des riesigen öffentlichen Interesses soll er zeitweise live im Fernsehen und Radio übertragen werden. In Pretoria sind hunderte in- und ausländische Journalisten, um über den spektakulären Fall zu berichten. Pistorius droht im Fall eines Schuldspruchs eine Haftstrafe von bis zu 25 Jahren.

Mutter des Opfers sitzt in der ersten Reihe

Im voll besetzten Gerichtssaal saßen am Montag viele Verwandte und Freunde des Angeklagten und des Opfers. Erstmals überhaupt traf dabei die Mutter des Opfers, June Steenkamp, auf den Angeklagten. Die 67-Jährige saß schwarz gekleidet in der ersten Reihe. Sie hatte in einem Interview betont, sie wolle „Pistorius in die Augen sehen“. Als Pistorius den Saal betrat, schaute er meist zu Boden, wirkte ernst und bedrückt.

dpa/afp

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