Im Abschiedsjahr

Standing Ovations für Bayreuther Ratten-"Lohengrin"

Bayreuth - Die Rattendämmerung ist eingeläutet: Die Bayreuther Kult-Inszenierung von Regisseur Hans Neuenfels steht in diesem Jahr zum letzten Mal auf dem Bayreuther Spielplan. Ein Grund zur Wehmut - wäre der nächste „Lohengrin“ nicht so vielversprechend.

Der Bayreuther Ratten-„Lohengrin“ wird endgültig zum Kult: Auch in ihrem Abschiedsjahr wird die Inszenierung von Regisseur Hans Neuenfels mit ihren unzähligen schwarzen, weißen und rosafarbenen Ratten auf der Bühne am Sonntagabend bei den Richard-Wagner-Festspielen begeistert gefeiert. Schon nach den ersten beiden Akten donnert der Applaus, der - wie stets - besonders Klaus Florian Vogt als Titelheld gilt. Zum Schluss steht das Publikum fast geschlossen für ihn und seinen glockenhellen „Lohengrin“ auf.

Bei der Premiere 2010 war das Finale der Inszenierung, bei dem ein blutiger Embryo einem Ei entsteigt und sich selbst seiner Nabelschnur entledigt, noch beinahe im Buhkonzert untergegangen. Das ist längst vergessen. Heute schmunzelt das Publikum so über die possierlichen Nager, als die der Regisseur den kompletten Chor verkleidet hat, wie über einen Dreijährigen, der etwas über die Stränge schlägt.

Da macht es auch nichts, dass das Federkleid, das aus Elsa von Brabant (Annette Dasch) im zweiten Akt eine Schwanenkönigin macht, während der Premiere ein paar Federn lässt und zwei Ratten-Damen im Eifer des Gefechts ihre Rattenschwänze verlieren. Auch in ihrem sechsten Jahr hat die Inszenierung, die die Grenzen zwischen Mensch und Nagetier verschwinden lässt und die Frage stellt, ob wir nicht alle eigentlich nur Laborratten sind, nichts von ihrer Unterhaltsamkeit verloren. In diesem Jahr ist die streng durchchoreographierte, aber sehr farbenfrohe Inszenierung nach dem düsteren „Tristan“ von Festspielleiterin Katharina Wagner am Vorabend eine nette Abwechslung.

Kalte, bedrohliche Szenen wechseln sich in der Neuenfels-Inszenierung mit kleinen Schmonzetten ab. Ein gerupfter Schwan schwebt von der Decke und wenn die ausgebüxten Ratten Nummer 60 und 63 die Flucht vor ihren Bewachern mit Abklatschen feiern, dann darf sogar gelacht werden im altehrwürdigen Festspielhaus. Und einmal sieht es so aus, als würde eine Ratte sich sogar an der berühmten Merkel-Raute versuchen. Vielleicht ist das bei den unhandlichen Ratten-Fingern aus Plastik ein Versehen, vielleicht aber auch ein Gruß an die Kanzlerin, die mit ihrem Gatten Joachim Sauer mitten im Parkett sitzt und am Tag zwei der Festspiele Mintgrün trägt.

Nicht nur Vogt, auch die beiden wichtigsten Damen an diesem Abend, Dasch als Elsa und Petra Lang als Ortrud, werden begeistert beklatscht - ebenso der Dirigent Alain Altinoglu, der von Andris Nelsons übernommen hatte. Im kommenden Jahr steht die Ratten-Inszenierung nicht mehr auf dem Bayreuther Spielplan. Den nächsten „Lohengrin“ gibt es im Jahr 2018.

Kein Geringerer als Neo Rauch, Star der deutschen Kunstszene, wird der Inszenierung von Regisseur Alvis Hermanis ihren Look verpassen. Am Pult steht dann Christian Thielemann. Und eine kleine Sensation dürfte die Besetzung der Elsa sein: Opern-Diva Anna Netrebko gibt ihr Bayreuth-Debüt.

Für den Bayreuther Publikumsliebling Vogt steht gleich im kommenden Jahr die nächsten Titelrolle an: Er singt in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, der von Skandal-Künstler Jonathan Meese übernahm, den Parsifal.

dpa

Promis bei der Festspiel-Premiere in Bayreuth

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