Wiesbadenerin päppelt in ihrer Wildtierstation Gartenschläfer auf

Allesfresser mit Zorro-Maske

+
Possierliches Tierchen: ein Gartenschläfer im „Wilden Sauhaufen“ von Nadine Vervoort in Wiesbaden.

Wiesbaden - Selbst gehäkelte Kobel, flauschiges Nistmaterial und Artgenossen zum Kuscheln: Der Keller von Nadine Vervoort ist ein kleines Paradies für Gartenschläfer. Von Andrea Löbbecke 

In ihrer Wildtierstation päppelt die Wiesbadenerin junge oder verletzte Nagetiere auf und macht sie fit für ein Leben in Freiheit. Und das alles ehrenamtlich, im vergangenem Jahr waren es rund 160 Patienten. Zwar kommen Gartenschläfer im Rhein-Main-Gebiet noch vergleichsweise häufig vor. Insgesamt steht es aber schlecht um den Vertreter der Bilche, auch Schläfer oder Schlafmäuse genannt. „Der Gartenschläfer stirbt gerade europäisch gesehen aus“, sagt Biologe Johannes Lang, der die Auswilderung der Wiesbadener Gartenschläfer im Taunus wissenschaftlich begleitet. In den Niederlanden beispielsweise gebe es nur noch rund 20 Tiere. In Deutschland haben Gartenschläfer die größte Verbreitung in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, in Sachsen ist er ausgestorben. „Kein Mensch weiß, was da los ist“, sagt Lang.

In Hessen kommen Gartenschläfer nach den Worten des Biologen nur im Taunus und entlang des Rheins vor, etwa von Wiesbaden bis Groß-Gerau und lückenhaft auch in Frankfurt. Zu den Bilchen zählen in Europa vier Arten – der Siebenschläfer, die Haselmaus, der Baumschläfer und der Gartenschläfer, der an dem Fellmuster am Kopf in Form einer Zorro-Maske gut zu erkennen ist. Rund 100 Gramm bringen die Allesfresser auf die Waage, tagsüber und im Winter schlafen sie in ihren Nestern.

Forscher haben festgestellt, dass die verschiedenen Populationen in Deutschland ganz unterschiedliche Anforderungen an ihren Lebensraum stellen. „Die Hessen mögen warme Weinberge, die Tiere im Harz bevorzugen feuchte Wälder“, berichtet Lang. Hypothesen besagten, dass Gartenschläfer aus einigen Regionen vermutlich mangels Nahrung verschwunden sind, etwa weil es weniger Insekten gibt. Die Art ist stark auf tierische Kost angewiesen. Mit einer Wildtierstation werde zwar keine Art vor dem Aussterben gerettet, sagt Lang. „Aber man hat die Möglichkeit, einzelne Tiere vor dem Tod zu schützen.“ Werden sie dann wieder ausgewildert, wirke sich dies unter Umständen gut auf eine Population aus. Die Wiesbadener Tiere sollen markiert und in Freiheit weiter beobachtet werden. Je mehr die Biologen über das Leben der Bilche wissen – umso besser können sie sie schützen.

Die schrägsten Tiere der Welt

Aber was sind denn geeignete Lebensräume für den Gartenschläfer? „Er muss dorthin gesetzt werden, wo es keine Konflikte mit den Menschen gibt“, sagt Lang. Eigentlich bevorzugt der kleine Nager im Rhein-Main-Gebiet Streuobstwiesen. Wenn aber der natürliche Lebensraum immer kleiner wird, dann scheuen sie auch Häuser nicht und machen es sich unterm Dach bequem. Die Biologen suchten für die Auswilderung im Taunus nach Flächen, an deren Rändern bereits Gartenschläfer leben. Um das Schicksal der Nager weiter zu verfolgen, sollen künftig unter anderem ihre Schlafkisten kontrolliert werden. Die sehen Nistkästen für Vögel ähnlich und meist kuscheln sich dort mehrere Gartenschläfer zusammen.

Im Keller von Nadine Vervoort sitzen die fitten Tiere bereits zusammen in großen Volieren, Sorgenkinder eher allein. Wie etwa ein Gartenschläfer, der in eine Falle getappt war, klatschnass und völlig verdreckt gefunden wurde. Manche Patienten sind noch im Babyalter. „Sie haben oft großen Hunger, müssen nachts alle zwei bis vier Stunden gefüttert werden“, berichtet Vervoort. Sie kümmerte sich mit ihrer Notstation „Wilder Sauhaufen“ eigentlich um Meerschweinchen. Bis sie an einem Morgen vor dem Kindergarten ihrer Tochter einen hilflosen Gartenschläfer fand und ihn aufpäppelte. Nur der erste wilde Patient bekam auch noch einen Namen – „Zorro“.

dpa

Quelle: op-online.de

Kommentare