Auratischer Zauber

Ausstellung „Heilige Nacht“ in Frankfurt

+
Frommes Schmuckstück: Marienaltärchen mit Geburt im Schrein und Szenen der Verkündigung, Heimsuchung, Darbringung auf den Flügeln. Malerei aus dem Umkreis des Altenbergers Altars, Mittelrhein, um 1350.

Frankfurt - „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde...“. Von Reinhold Gries

 Wer glaubt, die Weihnachtsgeschichte der Evangelisten Lukas und Matthäus zu kennen, wird in der Schau des Liebieghauses Frankfurt eines Besseren belehrt. Weihnachten entfaltet dort in über 100 Gemälden, Reliefs, Skulpturen, Grafiken und Buchmalereien des 5. bis 16. Jahrhunderts eine ganz eigene Mystik. Die wundervollen Werke aus 40 internationalen Sammlungen erinnern an die Ursprünge des Weihnachtszaubers. Sie zeigen fantasiereiche Ausschmückungen und fabelhafte Veränderungen der biblischen Berichte. Denn dort, wo sich Lücken im Erzählstrang auftaten, wurden oft apokryphe – von der Amtskirche nicht anerkannte – Texte ergänzt. Auch wenn die Kirche diese Texte mitunter sogar verbot, griffen Maler und Bildhauer ihre Motive auf.

Wie zum Beispiel die Berichte über die achtfache Mutter Birgitta von Schweden, die im 14. Jahrhundert in der Höhle in Bethlehem, in der Jesus auf die Welt gekommen sein soll, Visionen erlebte. Wer kennt heute noch das „Kornfeldwunder“, durch das die Heilige Familie ihre Verfolger auf der Flucht abschüttelte, oder die Befriedung des Drachens durch das übermächtige Jesuskind? Oder das „Palm- und Quellwunder“, bei dem das Kind eine Palme zum Neigen brachte, Wasser beschaffte oder Götzenbilder zerbrechen ließ? Derlei Mythen galten im Mittelalter als Realitäten, die es bis ins Lindenholzrelief der Wiener Kunstkammer und in Lucas Cranachs Holzschnitt von 1509 schafften.

In solchen Kontext hat Kurator Stefan Roller auch oberbayrisch gewickelte „Fatschenkinder“, nackte Jesuskinder zum Aufstellen, eine Christkindwiege aus Köln (1340) oder Marien-Holzskulpturen gestellt. Bezaubert ist man von zwei großen Bühnen mit figurenreichen Krippen aus Tirol und Neapel.

Mit rein irdischen Maßstäben sind diese Weihnachtsbotschaften nicht zu messen, obwohl sie handfeste historische Hintergründe haben, wie etwa die Terrorherrschaft des Herodes. In der Darstellung herrscht allerdings ein Hang zum Zauberhaften vor, selbst bei Themen wie dem Kindermord von Bethlehem oder Christi Beschneidung. Wundervoll intim wirken rare spätgotische Schnitzarbeiten und Altarbilder, ein fein bestickter Bildteppich, byzantinische Elfenbeinpyxen und -tafeln sowie von mystischem Licht erfüllte Szenen zu Christi Geburt.

Man möchte festliche Aufmärsche des Weihnachtsgefolges wie bei „Ankunft, Reise und Anbetung der Könige“ (1490) ebenso wenig missen wie Anbetungen in der armselig-malerischen Krippe oder Niccolò di Tommasos auratisch goldstrahlende „Geburtsvision der Heiligen Birgitta“ aus dem Vatikan. Auch nicht die Darstellungen des oft passiv wirkenden „Vater Joseph“, der ja nicht Vater des Kindes war.

Die zehn beliebtesten Museen in Deutschland

Auch Gemälde zu Josephs Träumen zeigen: Da war ein Dritter, ganz Großer, im Spiel. Und man entdeckt auch Jungfrau Maria, als ihr die Verkündigung der göttlichen Schwangerschaft durch den Engel nicht geheuer war, sie schämte sich vor ihrem Verlobten. Selbst die Zweifel der Hebamme Salome an Marias Jungfrauengeburt und das zugehörige Wunder sind ins Bild gesetzt.

Sie kommt heute von weit her, die prächtige Anschauung für die Gläubigen des Mittelalters, wo der „adventus domini“ vorweihnachtliche Fastenzeit, Zeit für Besinnung und innere Einkehr war. 

„Heilige Nacht. Die Weihnachtgeschichte und ihre Bilderwelt“, bis 29. Januar, Di.,Mi. und Fr. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Do. von 10 bis 20 Uhr.

Quelle: op-online.de

Kommentare