Auftakt im Schauspiel Frankfurt

Shakespeares „Lear“: Bankrott einer Königin

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Am Ende jeder Weisheit: Königin Lear (Josefin Platt) zerfällt nach und nach in ihre Fragmente.

Frankfurt - Was für ein Theaterabend! Mit „Königin Lear“ eröffnet das Schauspiel Frankfurt die Saison – und legt die Messlatte mächtig hoch. Das Stück besticht mit grandioser Bildkraft und einer drastisch ernsten Erzählung über familiäre Rivalität. Und mit einer fabelhaften Josefin Platt in der Titelrolle. Von Stefan Michalzik

Das Publikum ist von der ersten bis zur letzten Minute voll gebannt. Gefangen von dieser großen Erzählung, vom räuberischen Dschungel des Kapitalismus. Seit seiner zwölfstündigen Shakespeare-Adaption „Schlachten“ Mitte der Neunziger ist der flämische Dramatiker Tom Lanoye als genialer Bearbeiter klassischer Stoffe berühmt. Jetzt hat er „Königin Lear“ als deutsche Erstaufführung von Kay Voges inszeniert. Zum Saisonauftakt am Schauspiel Frankfurt ist Shakespeares Königsdrama in die Welt eines familiär geprägten Wirtschaftsgiganten gewandert.

Am Anfang fährt eine Kamera durch virtuelle Bürohochhauswelten. Kinohaft übergroß meldet sich die disziplinsverhärmte Patriarchenwitwe Elisabeth Lear (Josefin Platt) und stellt die einschlägige Frage, welcher ihrer drei Söhne sie wohl am meisten liebt. Die luxusgewohnten Kriecher (Lukas Rüppel und Viktor Tremmel) kanzelt sie herzhaft deftig ab, mitsamt ihrer beiden missgünstig abgewatschten Schwiegertöchter (Constanze Becker und Franziska Junge als Comicfiguren mit Schwarzhaarperücken). Ihr Liebling, der unverheiratete Jüngste (Carina Zichner), verweigert im Dienste der Ehrlichkeit den Wettbewerb, sie verstößt ihn.

Mit der Aufteilung des Unternehmens zwischen den beiden anderen Brüdern ist ein ruinös-fataler Kampf der Kräfte samt Intrigenspiel entbrannt; der zerlegte Konzern wackelt auf den Untergang zu und verkommt schließlich sogar zum Übernahmekandidaten. Die faszinierend monumental-schlichte geometrische Raumkonstruktion von Daniel Roskamp wandelt sich Bild um Bild. Die zunächst klaustrophob enge Kammer weitet sich zu einem tiefen Schlauch. Der blitzhafte Wechsel von Neonlichtstreifen in den Fugen der Rechteckstruktur gibt die Menschen als Spielball auf heiklem Parkett zu erkennen.

Tiraden, dass es die helle Freude ist. Fast jeder gegen fast jeden. Die Demenz krallt sich um die einst allgewaltige Wirtschaftskönigin, ihr Zustand ist einer des Erbarmens, sie steht am Ende förmlich vor der Tür, dem Sturm ausgesetzt. Vor allem ist das, bei einem rundum erstklassigen Ensemble, der Abend der großen Schauspielerin Josefin Platt. Sie gibt eine Tragödin aus dem Geist des Komödiantentums heraus. Ihr Spiel ist pointiert deutlich, eine Übertreibungskunst im instinktiv richtigem Maß. Schlichtweg fabelhaft. Wie im Film flackerte am Anfang der Titel des Stücks über Leinwände, es gibt Soundeffekte (Paul Wallfisch), eben ganz nach Art des Kinos.

Das Theater will signalisieren, dass es sich von seinem Staub befreit hat. Im Kern aber ist „Königin Lear“ ausgesprochen klassisch – das unangefochtene Zentrum ist der Schauspieler, hier besser: die Schauspielerin. Sprechtheater, leider mit Mikrofon, sonst aber von der besten Seite. Sprachmächtig, sinnstiftend verschränkt mit den Mitteln der Videotechnologie. Das gibt kaum enden wollenden Jubel. Dieser Spielzeitauftakt ist sattes, aus dem Vollen geschöpftes Theater. Ein großes Vergnügen in all seiner drastischen Ernsthaftigkeit.

Quelle: op-online.de

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