Strindbergs „Totentanz“ in Frankfurt

Blutrünstige Szenen einer Ehe

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Grell und brutal: Daniel Foerster inszenierte August Strindbergs „Totentanz“. Auf der Bühne: Oliver Kraushaar, Michael Benthin, Alexandra Lukas und Constanze Becker

Frankfurt -  Drama oder Komödie? Eine exzentrische Fassung von August Strindbergs „Totentanz“ ist zum Saisonschluss in den Frankfurter Kammerspielen zu sehen. Von Stefan Michalzik

Bloß kein Realismus! Das scheint der Leitsatz gewesen zu sein, den der Regisseur Daniel Foerster den Schauspielern gegeben hat. Dafür immer krass rein in eine kurios bizarre Überzeichnung. Während die Zuschauer eingelassen werden, zieht das fatal miteinander verschweißte Paar schon seine Bahnen auf dem schiefergrauen Podium von Julia Scheure. Er – Rautenpulli, mit Pomade gescheiteltes Haar und rot geränderten Augen – paradiert im Stechschritt auf und ab. Sie – aufgemacht, als sei sie aus dem Bühnenkosmos Robert Wilsons herüber gewandert, mit manieriert exzentrischer Frisur, Schminke und Kleid – vollführt Tangoschritte.

August Strindbergs „Totentanz“, 1900 uraufgeführt, die Urzelle aller Dramen der unentrinnbaren ehelichen Zerfleischungspein des zwanzigsten Jahrhunderts, von Edward Albee bis Yasmina Reza, ist als Drama zu lesen oder eben als Komödie, eines kann so fruchttragend sein wie das andere. Daniel Foerster, Stipendiat des Regiestudios am Frankfurter Schauspiel, hat sich zum Saisonschluss in den Kammerspielen für eine comicgrelle Drastik entschieden. Kann man machen.

Mann belfert mächtig, Frau zickt tüchtig. „Wenn Du willst, kannst Du charmant sein“, sagt Oliver Kraushaar als Hauptmann Edgar zu seiner – obacht: immer wieder gern gewählte Besetzungspointe! – tatsächlichen Ehefrau Constanze Becker als frühere Schauspielerin Alice. Dann schickt er hinterher: „Zu andern.“ Auf derlei garantierte Lacherfolge legt Foerster es an. Später kommt Alice mit einer Torte herein, mit Glückwünschen zur todbringenden Erkrankung des hassgeliebten Gatten. Die Torte nimmt den Weg in Edgars Gesicht. Hernach rutscht er gleich noch in einem kurzen Moment von Slapstick auf den Resten aus.

Es spritzt das Blut und es werden Augen ausgestochen, Zähne purzeln lustig aus Beckers Mund. Mit einem Baseballschläger drischt sie auf seinen willentlich plump gestalteten „Kopf“ ein und fragt „Ist er tot?“ Wieder ein Garantielacher. Eine Erlösung gibt es in der gottesfremden Moderne bei Strindberg so wenig wie bei Beckett. Freundlich ließe sich Foerster zugute halten, ihm sei es auf den Zug des Absurden angekommen. Aber dann müsste er mehr auf den Punkt kommen.

Man kann sie einfach nicht ernst nehmen, die beiden Insassen dieser auf einer Schäreninsel angesiedelten Ehefestung. Auch nicht, wenn sich das bestimmte Einvernehmen für einen Moment erotisch manifestiert.

Alices beidseits wechselweise vereinnahmter Vetter Kurt ist bei Michael Benthin auftoupiert wie ein gealterter Rockstar. Als großäugig-traumatisierte Fassung von Pippi Langstrumpf durchgeistert die Tochter Judith von Alexandra Lukas die Szenen. Gestrichen ist – weshalb? – Kurts Sohn Allan; mit dem jungen Paar deutet Strindberg an, dass die Eheschlacht in der kommenden Generation weitergehen wird.

Alles Oberfläche. Der Text wird exerziert – nicht durchdrungen. Immer wieder übergießt Foerster die Bilder mit einer bekömmlichen Popmusiksauce. In einer Szene serviert Edgar als Bier eine wuchtige Dose von der in Skandinavien verbreiteten Marke FAXE. Hurra, wir spielen Strindberg! Da muss es dieses „Kultbier“ sein. Wie – bezeichnend! – albern. Obendrein hat Foerster diesen „Einfall“ vor einem halben Jahr schon einmal in „Fräulein Julie“ verwendet.

Quelle: op-online.de

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