Erlebnisse in Buch festgehalten

Mann aus Kassel sucht seine Söhne in Syrien

+
In "Ich hole Euch zurück" schildert Joachim Gerhardt seine Erlebnisse in Syrien. Der Vater aus Kassel sucht bisher vergeblich nach seinen beiden Söhnen, die sich radikalisiert und der Terrorgruppe "IS" angeschlossen haben.

Kassel/Frankfurt - Joachim Zwei Brüder aus Kassel treten plötzlich zum Islam über, radikalisieren sich und reisen nach Syrien. Ihr Vater versucht, sie seit zwei Jahren aus der "IS-Hölle" zurück zu holen - vergeblich. Seine Erlebnisse schildert er jetzt in einem Buch. Von Ira Schaible

Gerhards Söhne treten im Alter von 19 und 23 Jahren zum Islam über. Ihre Radikalisierung dauert nur wenige Monate, dann brechen sie von Kassel nach Syrien auf - unter dem Vorwand, Freunde in Wien zu besuchen. Im Firmenwagen des Vaters fahren sie im Oktober 2014 in die Türkei, zusammen mit zwei anderen jungen Männern und zwei Frauen. Eine davon ist schwanger und hat ihren Sohn dabei. Seither sucht Gerhard seine Söhne und seine Schwiegertochter, die er nur von einem Foto mit Burka kennt. Diese bedrückende und eindrucksvolle Geschichte schildert der Immobilienunternehmer in dem Buch "Ich hole Euch zurück" - mit Unterstützung der Journalistin Denise Linke.

"Ich habe keine handfesten Beweise dafür, dass meine Kinder noch leben", schreibt Gerhard. Aber, so betont er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf." Gerhard reiste immer wieder an die türkisch-syrische Grenze, knüpfte Kontakte, bezahlte Zehntausende Euro für Schleuser und Helfer, sprach mit ausländischen Geheimdienstmitarbeitern und traf sogar den jordanischen König und seine Frau. Einige Male war er sicher, seine beiden Jungen bald wieder in seine Arme schließen zu können - jedes Mal wurde er bitter enttäuscht. Er musste angebliche Todesnachrichten wegstecken und Handy-Videos, in denen sich seine Söhne los sagen.

Lesen Sie dazu auch:

Rund 130 Islamisten aus Hessen ausgereist

"Wo sie sich aufhalten, wo sie genau sind, keine Ahnung", sagt Gerhard heute traurig. Allerdings: "Wir wissen von Insidern da unten, dass sie nicht tot sind und sich in Syrien aufhalten." Sogar nach Kobane reiste Gerhard. "Offiziell hatte es zuletzt geheißen, dass sie im Gefängnis in Kobane sind." Aber: "Wir waren dort, da waren sie aber nicht, auch nicht unter den Toten, die wir auf Fotos sehen konnten." Immer wieder die bohrende Frage nach dem Warum: "Wir hatten Liebe, Glück, und wir hatten Geld", beschreibt Gerhard das Leben in Kassel. Die Eltern lebten zwar getrennt voneinander, das Verhältnis sei aber so gut gewesen, dass sie noch zu viert in den Urlaub fuhren. "Sie wollten helfen, nicht kämpfen", ist Gerhard überzeugt. "Die Generation glaubt an die Gerechtigkeit: Da fallen Bomben, Eure Brüder kommen um. Da fühlten sich meine Jungs angesprochen." Die beiden hätten ein sehr enges Verhältnis gehabt, seien selbstständig und offen gewesen - auch für Menschen aus anderen Ländern. "Meine Jungs hatten von Politik und Krieg weder Ahnung, noch Interesse daran. Die sind da blauäugig hingefahren."

Die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam, Susanne Schröter, ist überzeugt, dass die Ideologie bei Gerhards Söhnen wie bei vielen anderen Ausgereisten eine Rolle gespielt hat: "Dass man etwas ganz Großes machen kann in seinem Leben; dass man zu einer ganz tollen Bewegung gehört, die sich auch als sehr cool verkauft." Denn: "Das ist auch eine Jugendbewegung mit allen Attributen von Coolness", sagt die Wissenschaftlerin. "Es gibt keine andere Jugendbewegung, die mit einer Art von Heroismus wirbt." Thomas Mücke vom Violence Prevention Network (VPN), das mit radikalisierten jungen Menschen, Ausgereisten, Rückkehrern und ihren Angehörigen arbeitet, sagt: "Es reisen nicht nur junge Menschen mit prekärem Hintergrund nach Syrien, sondern aus ganz normalen Familien." Die Szene befriedige jugendtypische Bedürfnisse nach Halt, Geborgenheit und Gemeinschaft. Typisch ist nach Mückes Einschätzung auch die allmähliche Entfremdung und Loslösung. "Sie haben sich bei ihrem ersten Anruf entschuldigt, dass sie uns angelogen haben beim Reiseziel, weil wir sie nicht hätten freiwillig nach Syrien gehen lassen", erzählt Gerhard. Später laden die Söhne den Vater nach Syrien ein und - als er schon an der Grenze ist - wieder aus, sagen sich schließlich sogar von ihm los. Mücke erklärt das so: "Wie eine Sekte." Das Gegenüber werde zum Feind erklärt.

IS-Anschläge in Bagdad - Bilder

"Mit dem Buch will ich der Öffentlichkeit zeigen, wie der IS sein Netz ausgespannt hat", sagt Gerhard. "Dass er an junge, hochintelligente Jungen und Mädchen ran geht und die so manipuliert, dass sie hier alles hinschmeißen und innerhalb von Wochen die Koffer packen und weggehen." Seine Söhne hätten Möbel verkauft, Bausparverträge aufgelöst und seien mit einigen Zehntausend Euro nach Syrien gefahren. "Die Flucht war bis ins letzte Detail geplant." Ihren Eltern hinterließen sie Abschiedsbriefe. Der Jüngere heiratete noch kurz vor der Ausreise - unbemerkt. "Sie sind aus Kassel per Telefon, per WhatsApp, geleitet worden", sagt Gerhard. Gerhard will - anders als einige andere Betroffene - nicht schweigen. "Die Eltern von meiner Schwiegertochter wollen nirgends darüber reden und in Ruhe gelassen werden."

Ein Einfallstor für die Propaganda der Islamisten sieht der Vater in der Leere vieler Abiturienten nach der Schule. "Der deutsche Staat hat den jungen Leuten das Pflichtjahr weggenommen, ob das jetzt Bundeswehr oder Zivildienst war", sagt Gerhard. "Durch das Jahr sind wir reifer geworden und haben die Welt auch ganz anders gesehen", meint er. "Jetzt stehen die jungen Leute nach der Schule und dem Abi auf der Straße und fragen sich: Was mach ich jetzt? In dieser Situation kommt die Sekte und krallt sie sich." Viele seien dabei vollkommen ahnungslos: "Ich hätte mir gewünscht, dass uns der Islamische Rat oder andere Vertreter viel mehr über den IS aufgeklärt und sich öffentlich vom ihm distanziert hätte." (dpa)

Quelle: op-online.de

Kommentare