„Clockwork Orange“ am Frankfurter Schauspiel

Von Gewalt geheilt, der Würde beraubt

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Gewaltausbrüche bis zum Totschlag, begangen aus purer Lust, sind das Markenzeichen der Gang um die Hauptfigur Alex. Vincent Glander in „Clockwork Orange“ 

Frankfurt - Regisseur Christopher Rüping zieht bei seiner Inszenierung von Anthony Burgess’ „Clockwork Orange“ im Bockenheimer Depot viele Theater-Register und bleibt der Geschichte dennoch erfreulich treu. Von Stefan Michalzik 

So kann man das natürlich auch machen: die Romanbearbeitung für das Theater als szenische Lesung. Im klassischen Arrangement mit dem Glas Wasser auf den Pulten und mit Mikrofonen. Man könnte es beinahe als ironischen Kommentar zur Debatte um das epidemische Wildern der Theater in Prosa und Kino und die oft mageren Resultate auffassen.

Die Form der Lesung nimmt Christopher Rüping, der für das Frankfurter Schauspiel „Clockwork Orange“ nach dem Roman von Anthony Burgess inszeniert hat, bloß zum Fundament des zweidreiviertelstündigen Abends. Der 1962 veröffentlichte Roman des englischen Schriftstellers, 1971 von Stanley Kubrick zur Vorlage für einen seiner wichtigsten Filme genommen, ist schon früh vom Theater entdeckt worden. Es ist ein Zukunftsroman, den Burgess geschrieben hat.

Der Raum von Jonathan Mertz indes, dem ständigem Bühnenarchitekten von Christopher Rüping, verweist mit Details wie einem dunklen, quadratisch gerasterten Parkettboden eher auf den Muff der Entstehungszeit. Ein arenaförmiges Auditorium im Stile universitärer Hörsäle des 19. Jahrhunderts bezieht sich auf den Charakter eines wissenschaftlichen Experiments, das an dem jungen Alex exerziert wird, der gemeinsam mit seiner Gang Gewalt bis zum Totschlag aus purer Lust begeht.

Das lesende Quartett in einheitlichen dunklen Anzügen von heutigem Schnitt – Kostüme: Lene Schwind – tritt unter dem Gebrauch von Gummimasken und Perücken fliegend in die Rollen der Jungbolzen und ihrer Opfer ein. Die Zeichnung der gewalttätigen Exzesse ist bewusst anti-illusionistisch angelegt, der Fake wird offen hergezeigt. In einer Szene beispielsweise fließt das Theaterblut aus der Flasche; allerdings gibt es auch recht handfest wirkende Ohrfeigen. Das ist jedenfalls alles nicht schockträchtig. Interessanterweise unmittelbar aus der Form der Lesung heraus entwickelt Thorben Kessler in der Rolle eines traumatisierten Schriftstellers, dessen Frau sich als Folge einer Vergewaltigung selber umgebracht hat, unmittelbar beklemmende Momente.

Burgess ist es aber nicht primär um das Phänomen der Gewalt gegangen als vielmehr um die Erwägung einer ethischen Frage, Rüping folgt ihm. Nach der Pause wird dem inzwischen inhaftierten Alex – nun ist die Rolle bei dem neu aufgetauchten Jan Breustedt erstmals fest in einer Hand – eine neu entwickelte Pille verabreicht, die den bösen Willen brechen soll; die Gratifikation dafür ist die sofortige Rückkehr in die Freiheit. Die Pille bewirkt, dass jeder Gedanke an die Ausübung von Gewalt zu Übelkeit und Erbrechen führt. Wie arg auch immer Alex gedemütigt wird, er schlägt nicht zurück. Ein zwar „geheilter“, aber auch gebrochener, der Würde beraubter Mensch. Angesichts Tendenzen wie jener einer realen Forschung um eine Bekämpfung von Verbrechen im Stadium vor der drohenden Tat erscheint das äußerst aktuell.

Rüping zieht viele Register: Immer wieder knallen Nummern – Musik: Christopher Hart – vornehmlich aus der Popmusik von einem auf alt getrimmten Plattenspieler herein; anders als in Buch und Film spielt Beethovens Neunte keine Rolle. Die Schauspieler tanzen und singen, sie spielen Klavier und Schlagzeug. Salopp könnte man sagen: Es ist viel los.

In drei Gängen offerieren Lakaien mit rosa Perücken dem Publikum kleine kulinarische Gaben. Das ist ohne Sinn und daher affig. Von dieser albernen Petitesse abgesehen ist das eine in ihren Mitteln diverse und dennoch geradlinige Inszenierung.

Quelle: op-online.de

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