„Echte Hardcore-Fälle“

Hessens einziges geschlossenes Kinderheim hat lange Warteliste

+
Blick in ein Zimmer des Jugendhilfezentrums Don Bosco. Acht kriminelle, aber strafunmündige Kinder zwischen zehn und 13 Jahren können im Heim untergebracht und therapiert werden.

Sinntal - Strafunmündige Kinder können in schweren Fällen in geschlossene Heime kommen. In Sinntal zum Beispiel soll Zehn- bis Dreizehnjährigen geholfen werden, von der schiefen Bahn zu kommen. Trotz Kontroverse und Kritik sehen Wissenschaftler darin einen sinnvollen Weg. Von Jörn Perske

Nach ersten Turbulenzen hat sich die Atmosphäre in Hessens einzigem geschlossenen Kinderheim offensichtlich gewandelt. Früher rissen Bewohner vor lauter Frust und Wut auch mal eine Heizung aus der Wand, demolierten Türen oder schlugen Fensterscheiben ein. Deswegen musste das extra stabile, aber nicht unzerstörbare Inventar im Wert von ein paar Tausend Euro hier und da nach Vandalismus-Anfällen ersetzt werden. Alltag in Sinntal-Sannerz im Main-Kinzig-Kreis. Kritiker bezeichnen die intensivpädagogische Wohngruppe als „Kinderknast“. Kriminelle, aber strafunmündige Kinder zwischen 10 und 13 Jahren können dort untergebracht werden.

Die Zeit der „Materialtester“, wie sie Einrichtungsleiter Pater Christian Vahlhaus nennt, ist vorbei. Vielleicht auch als Ausdruck der zunehmend fruchtbaren Arbeit geht in dem Jugendhilfezentrum weniger zu Bruch. Die Stimmung sei friedfertiger geworden. „Aufgehängte Bilder bleiben hängen und Blumentöpfe bleiben heil an ihren Plätzen stehen“, führt Vahlhaus zum Vergleich an. Im September vor vier Jahren wurde die Einrichtung eröffnet. „Die ersten zwei Jahre waren turbulent. In den letzten zwei Jahren haben wir uns stabilisiert“, sagt Vahlhaus. Nach auch finanziell unruhigen Zeiten kommt die Einrichtung in ruhigeres Fahrwasser. „In diesem Jahr haben wir erstmals eine ausgeglichene Bilanz.“ Vorher war es ein Minusgeschäft. „Wir hatten auch schon mal ein Defizit von 100 000 Euro“, erklärt Vahlhaus. Das Land Hessen sieht in einer Studie wieder Bedarf für eine solche Einrichtung.

Pater Christian Vahlhaus, Leiter des Jugendhilfezentrums in Sinntal-Sannerz

Nach Startschwierigkeiten ist die Nachfrage nach Plätzen in der geschlossenen Unterbringung des Heims, in dem 85 Kinder und Jugendliche wohnen, groß. „Wir haben eine lange Warteliste, zwölf Kinder stehen derzeit drauf. Eigentlich könnten wir eine zweite Gruppe aufmachen. Aber das streben wir nicht an“, erklärt Vahlhaus. Untergebracht in der geschlossenen Abteilung sind acht Kinder in Einzelzimmern. Die Kinder der Gruppe Murialdo stammen vor allem aus Hessen, aber auch aus Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Viele Bewohner gelten als schwierige Kinder: „Wir bekommen teilweise echte Hardcore-Fälle“, sagt Vahlhaus. In jungen Jahren haben sie schon viel Schlimmes erlebt.

Es sind zum Beispiel Elfjährige, die mit der Wodka-Flasche im Park abhängen, die Schule schwänzen, stehlen und sich aggressiv verhalten. Sie sind für sich und andere eine Gefahr und kommen deswegen in einen geschützten Raum wie die geschlossene Unterbringung. „Das ist hier aber kein Gefängnis“, betont Vahlhaus. Die Kinder können sich in ihren Zimmern und auf dem Gelände der Gruppe frei bewegen. Bei der therapeutischen und pädagogischen Arbeit wollen die Mitarbeiter den Kindern helfen, von der schiefen Bahn zu kommen. „Jedes Kind bekommt einen individuellen Plan mit Zielen“, erläutert Vahlhaus. Das können kleine Dinge sein: jeden Tag sein Zimmer aufräumen. Oder größere: aktiv am Unterricht teilnehmen.

Kinder sicheren Umgang mit Feuer üben lassen

Mittlerweile wird in der Intensivgruppe zunehmend deutlich, dass man den Kindern viel früher als gedacht Zugang zur Freiheit gewähren kann. „Sie nehmen draußen an Freizeitaktivitäten oder der Reittherapie teil“, erklärt Vahlhaus. Im Durchschnitt bleiben die Schwerenöter 18 bis 24 Monate im geschlossenen Bereich, ehe sie zum Beispiel in offene Wohngruppen wechseln. Wie erfolgreich die Hilfe im geschlossenen Kinderheim auf lange Sicht ist, vermag Vahlhaus nicht zu sagen. „Wir wollen die Karrieren der Kinder weiter verfolgen“, erklärt der Heimleiter. Die Arbeit der Einrichtung wird vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz wissenschaftlich begleitet. Ende September 2017 sollen die Endergebnisse vorliegen.

Der geschäftsführende IKJ-Direktor, Michael Macsenaere, weiß: „Die geschlossene Unterbringung wird in der Fachszene von Gegnern und Befürwortern kontrovers diskutiert.“ Aber es gebe Indizien dafür, dass bei einigen Kindern normale Jugendhilfeangebote und Heimerziehung nicht mehr reichten. Diejenigen, die nach Sinntal kamen, hätten „überdurchschnittlich positive Veränderungen“ gezeigt – verglichen mit ähnlichen Werdegängen von Kindern, die anderweitig betreut werden.

Professor Macsenaere sagt: „Die Geschlossenheit wird genutzt, um intensiv mit den Kindern an ihrer Zukunft zu arbeiten. Das ist ein sinnvoller und guter Weg.“ Die Erwartungen seien übertroffen worden. In Deutschland gebe es etwa zehn vergleichbare Einrichtungen mit einer geschlossenen Unterbringung. Inwiefern sie die Kinder über Jahre auf einen stabileren, weniger selbstzerstörerischen Weg bringen, müsse an anderer Stelle untersucht werden. dpa

Quelle: op-online.de

Kommentare