„Gute Bildung ist ein wirksames Mittel“ 

Thema Kinderarmut: Felix Blaser vom Diakonischen Werk im Interview

Offenbach - Felix Blaser ist Referent für Armutspolitik beim Diakonischen Werk für Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck in Frankfurt. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußert er sich zur Bertelsmann-Studie.

Die Wirtschaft brummt, die öffentlichen Kassen sind gut gefüllt. Weshalb sind trotzdem so viele Kinder auf Sozialleistungen angewiesen?

Hierfür gibt es sicherlich viele Gründe. Ich will nur zwei nennen: Einmal sind die Arbeitsbedingungen anzuführen. Zuviele Menschen arbeiten Vollzeit und können von ihrem Lohn trotzdem den Lebensunterhalt ihrer Familie nicht bestreiten. Das geht dann stark auch auf Kosten der Kinder. Arbeit muss sich lohnen. Ein anderer Grund ist in der ungerechten Familienförderung zu sehen. Aktuell werden Kinder gutverdienender Eltern durch die Kinderfreibeträge stärker unterstützt als Kinder Erwerbsloser oder mittlerer Einkommensbezieher. Wer mehr als zwei Kinder hat, ist in Deutschland stark von Armut bedroht. Hier muss die Politik nachsteuern.

Welche Schritte wären nötig, um Alleinerziehende und kinderreiche Familien besser vor Armut zu schützen?

Alleinerziehende und kinderreiche Familien müssten steuerlich besser gestellt werden. Das Existenzminimum von Kindern sollte zum Beispiel steuerfrei gehalten werden. Weiter sollte das Kindergeld als Förderleistung im SGB-II-Leistungsbezug nicht mit dem Sozialgeld verrechnet werden. Auf diese Weise gehen nämlich Kindergelderhöhungen an in Armut lebenden Kindern vorbei.

Armut und Bildung hängen unmittelbar zusammen. Sind unsere Kindergärten und Schulen nicht ausreichend gerüstet?

Felix Blaser

Unsere Kindergärten und Schulen übernehmen schon viele Aufgaben. Richtig ist jedoch, dass die Begleitung und Förderung benachteiligter Kinder besser sein könnte. Wieso beginnt man zum Beispiel mit der Schulsozialarbeit nicht bereits früher? Jeder weiß, dass frühzeitige Prävention und Förderung lange wirken und daher sehr sinnvoll sind. Wenn man weiß, dass ein Drittel der Kinder bei der Einschulung Entwicklungs- oder Verhaltensstörungen aufweist und ein Viertel aller Jugendlichen die Schule verlässt, ohne richtig lesen, schreiben oder rechnen zu können, macht einen das sehr nachdenklich. Denn gute Bildung ist nach wie vor ein wirksames Mittel zur Armutsverhinderung.

Sozialverband: So viel Arme in Deutschland wie noch nie

Von den Autoren der Studie wird eine Reform der Hilfen gefordert, weil die Unterstützung bei armen Kindern und Jugendlichen nicht ankomme. Was sollte Ihrer Ansicht nach konkret verändert werden?

Zum einen sollte der Bedarf, der im Regelsatz für Kinder festgelegt wird, realistisch festgelegt werden. Aktuell ist er zu gering angesetzt und schreibt daher Kinderarmut fest. Die tatsächlichen Kosten für Ernährung und Kleidung, Schulbedarf und Mobilität werden nicht aufgenommen. Hier ist dringend nachzusteuern, damit Armut nicht lange Folgen hat.

Die Armut bei Kindern zu bekämpfen, wird auch als gesellschaftliche Aufgabe gesehen. Sollte man da nicht auch die Wirtschaft stärker in die Pflicht nehmen?

Die Wirtschaft steht in der Verpflichtung, keine Jobs anzubieten, die zwar Arbeit darstellen, aber keinen Lohn bieten, von dem man leben oder eine Familie finanzieren kann. Auch die Förderung von Weiterbildungs- und Beschäftigungsangeboten ist eine Aufgabe, die der Wirtschaft zukommt. Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass es eine staatliche Verpflichtung ist, dafür Sorge zu tragen, dass Kinder nicht in Armut aufwachsen. (cm)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Carsten Müller.

Quelle: op-online.de

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