Videokünstlerin Fiona Tan macht es den Besuchern nicht leicht

Auf den zweiten Blick

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Gefilmte Fotografie: „Diptych“ ist eine der subtilen Arbeiten von Fiona Tan. Die Künstlerin begleitete Zwillingspärchen über Jahre hinweg mit der Kamera. - Filmstill: Tan/Frith Street Gallery

Frankfurt -  In den Werken von Fiona Tan ist nichts, wie es im ersten Moment scheint. Die Ausstellung „Geografie der Zeit“ im Museum für Moderne Kunst (MMK1) zeigt vermeintliche Idyllen, hinter denen sich Verstörendes versteckt. Von Eugen El

Stutzen. Ist es wirklich eine Modelleisenbahn, die im MMK aufgebaut ist? Der erste Eindruck täuscht nicht, doch erwartet den Betrachter keine Hobbykeller-Seligkeit. Die 1966 geborene, in Amsterdam und Los Angeles lebende Künstlerin Fiona Tan hat ein gebrochenes Idyll konstruiert. In der Modell-Landschaft entdeckt der Betrachter ein abgebranntes Waldstück, das Zeltlager einer kapitalismuskritischen Protestbewegung, eine Eisenbahnbrücke, die in den Abgrund führt. Windräder durchschneiden die Luft.

Die weltweiten Krisen macht auch die dreiteilige Installation „Ghost Dwellings“, („Geisterbehausungen“) zum Thema. Tan begab sich an verlassene, verwüstete Orte, um dort nach Spuren eines neuen Lebens zu suchen. Sie filmte in der Sperrzone um Fukushima, die Aufnahmen sind vom unablässigen Geräusch eines Geigerzählers begleitet. Tan war auch in der ehemaligen Autostadt Detroit, wo ganze Siedlungen verwaisen, sowie im irischen Cork, das 2008 von der Immobilienkrise getroffen wurde.

Die drei Videos sind in einzelnen Kabinetten zu sehen, die mit ihren Rolltoren an Lagerräume erinnern. Die Räume sind mit Möbeln, Objekten und Archivmaterial bestückt, als seien sie bewohnt. In den USA zögen einige Menschen nach dem Verlust ihrer Wohnung in solche „Storage Places“, erzählt Tan.

In zwei weiteren Kabinetten ist ihre Videoinstallation „Diptych“ zu sehen. Zwischen 2006 und 2011 begleitete Tan fünfzehn in Schweden lebende, eineiige Zwillingspaare. Sie filmte die Zwillinge einmal jährlich am jeweils gleichen Ort. Es ist eine stille, unspektakuläre Langzeitbeobachtung entstanden – „eine gefilmte Fotografie“, sagt die Künstlerin. Sie interessiere sich dafür, „die Zeit zu formen“, sagt Tan später. Dennoch bleibt oft vage, was sie dem Betrachter mitteilen will.

Im Zentrum von „Rise and Fall“, der lautesten Videoarbeit in der Ausstellung, stehen eine junge und eine ältere Frau. Tan filmte in Belgien und den Niederlanden sowie an den Niagarafällen, die für sie „eine Metapher für das Verrinnen der Zeit und den Verlust von Dingen“ ist. Die Erzählung bleibt diffus, und so steht „Rise and Fall“ exemplarisch für Fiona Tans künstlerische Haltung: „Ich möchte, dass die Menschen eigenständig schauen und ihre eigenen Geschichten entdecken.“ Tan setzt auf einen aktiven, interessierten Betrachter. Ihre Kunst trumpft nicht auf, überwältigt nicht. Und manchmal ist sie fast zu leise. Bis 15. Januar 2017, Di. - So. 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr .

Quelle: op-online.de

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