Der letzte Zeuge

Ex-Häftling spricht über Frankfurter KZ

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Der 86-jährige KZ-Überlebende Andrzej Branecki

Frankfurt - Es gab nicht nur Dachau und Buchenwald, Auschwitz oder Majdanek. Mit dem KZ-Außenlager Katzbach gab es auch in Frankfurt ein KZ, mitten in der Stadt. Andrzej Branecki ist der wohl letzte Zeitzeuge der überlebenden Häftlinge. Von Eva Krafczyk

Andrzej Branecki muss sich recken, um die Gedenktafel zu lesen, die am Gebäude der Adler-Werke am Rande der Frankfurter Innenstadt angebracht ist. Der schmalschultrige 86-Jährige aus Warschau mustert mit seinen grauen Augen das Backsteingebäude, den Innenhof, die neu entstehenden loftartigen Apartments. "Damals sah alles ganz anders aus. Wie es hier auf der Straße aussah, haben wir gar nicht gewusst. Wir waren ja die ganze Zeit in der Fabrik." Wir, das waren die Häftlinge des KZ-Außenlagers Katzbach, das sich von August 1944 bis März 1945 in der Fabrik befand. "Wir waren keine Zwangsarbeiter." Diese Unterscheidung ist Branecki wichtig. "Wir waren KZ-Häftlinge." Heute, mehr als 70 Jahre später, ist der gebrechlich wirkende Pole nach eigenen Angaben der letzte Überlebende des Lagers. Der Mann mit dem schütteren, sorgfältig zurückgekämmten grauen Haar, der am Revers das Abzeichen der polnischen Untergrundkämpfer trägt, war gerade mal 15 Jahre alt, als er Anfang 1945 in Frankfurt eintraf - doch er hatte schon eine Odyssee durch mehrere deutsche Konzentrationslager hinter sich. "Dachau, Sonthofen, Buchenwald", zählt er auf.

Branecki hatte sich als 14-jähriger Pfadfinder als Meldegänger und Kundschafter am Warschauer Aufstand beteiligt, dem vergeblichen Versuch im August 1944, die polnische Hauptstadt aus eigener Kraft von der deutschen Besatzung zu befreien. Über den Aufstand wird mittlerweile in Polen kontrovers diskutiert, denn der Preis, den die Bevölkerung zahlen musste, war enorm: Die meisten der rund 100.000 Toten waren Zivilisten, oft Opfer deutscher Massaker. Als Vergeltungsaktion zerstörten die Deutschen nicht nur systematisch Warschau, die Zivilbevölkerung wurde in Konzentrationslager deportiert, darunter Auschwitz.

Auschwitz kennt jeder - das größte der nationalsozialistischen Vernichtungslager wurde zum internationalen Symbol von Holocaust und Massenmord. Das KZ Katzbach dagegen ist selbst in Frankfurt vielen nicht bekannt. Es war Teil des Systems der Außenlager, das die Lagerhölle mitten in deutsche Städte brachte. Zumindest für die deutschen Arbeiter der Fabriken müssten die KZ-Zwangsarbeiter unübersehbar gewesen sein. Nach 1945 herrschte dennoch Schweigen. "Die Gedenktafel wurde erst in den '90er Jahren angebracht", sagt Branecki kopfschüttelnd. "Daran muss man doch erinnern, das darf nicht in Vergessenheit geraten."

Es war kalt, als der 15-jährige Andrzej in den Adlerwerken für die deutsche Rüstungsindustrie schuften musste, wie Hunderte seiner Landsleute und Häftlinge aus anderen Nationen. Von den mehr als 1600 Häftlingen starben 528, mehr als 240 andere wurden als "arbeitsunfähig" zum Sterben nach Dachau und in andere Lager geschickt. "Wir mussten in einer Fabrikhalle schlafen, im zweiten oder dritten Stock," sagt Branecki und blickt sich suchend auf dem Gelände um. Der Gebäudeteil besteht nur noch in der Erinnerung des 86-Jährigen, der mittlerweile der letzte lebende Zeitzeuge ist. An was im KZ Katzbach erinnert sich Branecki? "Hunger", meint er. "Hunger und Kälte und harte Arbeit. Und das Ungeziefer. Wir schliefen so beengt, auf Holzbrettern, überall waren Läuse."

Als seien die Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht schon schlimm gewesen, machte der Lagerälteste den Häftlingen das Leben schwer, prügelte erbarmungslos. "Der hatte einen grünen Winkel - ein Krimineller oder Bandit. Der war ein Sadist. Das war einer der größten Schurken, die ich erlebt habe." Er erinnert sich aber auch an einen Meister, der manchmal Brot mit Margarine auf einer Maschine zurückgelassen habe. "Er hat mir gesagt, dass das sein Chef aber nicht sehen darf", erinnert er sich an die kleine, verbotene Hilfeleistung. Als im März 1945 das Lager Katzbach aufgelöst wurde, war das Leiden der Häftlinge nicht zu Ende. Branecki gehörte zu den wenigen, die den sogenannten Todesmarsch nach Buchenwald überlebten. "Wir waren vielleicht tausend, als wir aufbrachen - und nur etwa 300 kamen an", erzählt er. "Ich wollte überleben - nicht so sehr meinetwegen, als für meine Mutter. Meine beiden älteren Brüder waren schließlich schon von den Deutschen erschossen worden."

Erst in den 1990er Jahren kehrte Branecki nach Frankfurt zurück - diesmal als Gast der Stadt. Wiederholt hat er an Schulen über seine Geschichte und das Lager mitten in der Mainmetropole berichtet. Hat er Vorbehalte gegen Deutschland? "So viel Zeit ist vergangen", winkt Branecki ab. "Neue Generationen sind aufgewachsen. Und auch die Bischöfe und unser polnischer Papst haben gesagt, dass man vergeben muss, dass die Welt den Jungen gehört. Wie kann ich Vorbehalte gegen einen Deutschen haben, bloß weil er Deutscher ist?"

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Inzwischen hat Branecki in Frankfurt deutsche Freunde gefunden - die Menschen von der Organisation "Zeichen der Hoffnung" etwa, die KZ-Überlebende nach Deutschland einladen. Auch Branecki war im September in einer Gruppe wieder dabei. Oder die Mitarbeiter des Gallus-Theaters, das heute auf dem Gelände der ehemaligen Adler-Werke seine Bühne hat. Herzlich umarmt er Theater-Mitarbeiterin Heike Bonzelius. "Ich war schon ein paar Jahre im Gallus, als ich erfuhr, dass hier nicht nur Zwangsarbeiter waren, sondern ein KZ", sagt Theaterleiter Winfried Becker. Kunst im einstigen KZ - das war erst einmal ein Schock. Becker und seine Kollegen engagieren sich schon seit langem in Gruppen, die die Erinnerung an das Außenlager und das Leid der Häftlinge lebendig halten wollen. "Wir wollen einen Gedenkraum, hier auf dem Gelände", sagt Bonzelius.

Vergessen kann Branecki allerdings nicht, das will er auch nicht. "Wenn ich über das KZ erzähle, dann ist alles wieder da. Das ist ein schreckliches Gefühl." Seine Hände zittern, als er zu dem Zettel greift, auf dem er sich einige Punkte über seine KZ-Vergangenheit notiert hat. Der 86-Jährige lässt die Erinnerungen zu und will jungen Menschen über die Vergangenheit berichten, so lange er kann. "Wenn, was Gott verhüten möge, ein kleiner Stalin oder ein kleiner Hitler irgendwo wieder geboren wird und an die Macht will, dann müssen die jungen Menschen wissen, wo das hinführen kann." Die toten Mithäftlinge sind für Branecki ein Vermächtnis, dem er sich verpflichtet fühlt: "Vielleicht ist das meine Mission. Ich bin der letzte, der von ihnen berichten kann. Wenn ich tot bin, ist auch der letzte Zeuge gegangen." (dpa)

Quelle: op-online.de

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