Ina Hartwig über ihren beruflichen Seitenwechsel, Pläne und politischen Ziele

Interview mit Frankfurts neuer Kulturdezernentin

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Keine Schonzeit: Ina Hartwig hat als neue Kulturdezernentin von Frankfurt von Anfang an einen Haufen Arbeit vor sich. Bevor sie in die Politik ging, arbeitete sie als Literaturkritikerin für Tageszeitungen. Seitdem sie in die Politik wechselte, ruht ihre journalistische Arbeit.

Frankfurt - In Frankfurts Kulturpolitik hat seit Kurzem eine Frau das Sagen. Ina Hartwig (SPD) sprach mit uns darüber, wie sie Flüchtlinge in Museen und Theater holen will und wie sie zu ihrem neuen Job gekommen ist. Von Lisa Berins

Zeitungen liegen verstreut auf ihrem Arbeitsplatz, Bücher, Zettel, Hefter. Das Regal im Büro der neuen Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig ist noch leer. Zeit zum Einrichten gab es noch nicht, dafür schon eine Menge Arbeit, seit sie am 15. Juli ihr Amt angetreten hat: Die Entscheidung über Philipp Demandt als Leiter der Schirn und die Diskussion um die Sanierung der Städtischen Bühnen sind nur einige Themen, die auf dem Schreibtisch der 1963 in Hamburg geborenen Literaturkritikerin gelandet sind.

Frau Hartwig, in Ihren ersten drei Wochen als Frankfurter Kulturdezernentin ist einiges passiert. Hatten Sie sich Ihren neuen Job so vorgestellt?

Ehrlich gesagt, nein. Ich hatte gedacht, es wäre weniger los wegen der Sommerpause, in der das Parlament nicht tagt. Aber es gab sofort Dinge, auf die ich reagieren musste, zum Beispiel in der Diskussion um die Städtischen Bühnen.

Wann steht dort eine Entscheidung an?

Im Januar wird die Machbarkeitsstudie vorliegen. Vorher kann man nicht viel sagen. Nur das: Der Standort am Willy-Brandt-Platz steht für mich nicht zur Disposition. Eine Sanierung des alten Gebäudes hat für mich Priorität – die Verwurzelung der kulturellen Tradition mit dem Haus und seine Ästhetik stellen ein hohes Gut dar. Die künstlerischen Erfordernisse müssen auch bei wirtschaftlichen Abwägungen Berücksichtigung finden. 

Vom Journalismus in die Politik zu wechseln, ist sicher eine ziemliche Umstellung. Ein Seitenwechsel.

Das stimmt und auch wieder nicht. Ich habe den Journalismus immer als Teil einer politischen Arbeit verstanden. Als Literaturkritikerin ist man Teil der kritischen Öffentlichkeit. Als Politikerin muss ich bei ähnlichen Prozessen über das Urteil hinaus zu einer Lösung kommen, eine Entscheidung im politischen Rahmen treffen.

Wie kam es zur Entscheidung, in die Politik zu gehen? 

Ich bin 2012 in die SPD eingetreten, weil ich glaubte, auf die veränderte politische und gesellschaftliche Situation reagieren zu müssen. Die sozialen Gegensätze und die Ungleichheit sind größer geworden, man muss wieder ganz grundsätzlich für die Freiheit kämpfen, gegen die Demokratiemüdigkeit. Das hatte eine Dringlichkeit für mich.

Ich frage mich, weshalb man sich dann ausgerechnet in der Kultur engagiert...

Die Kultur ist der Bereich, in dem man am besten Türen öffnen kann. Mike Josef (Anm.d.R.: Vorsitzender der Frankfurter SPD) hat mich gefragt, ob ich mir das Amt der Kulturdezernentin vorstellen könnte. Nach gründlichem Überlegen habe ich mich dafür entschieden.

In der Frankfurter Kultur haben private, vermögende Sammler und Förderer großen Einfluss. Was hält eine Sozialdemokratin davon?

Zunächst einmal ist das städtische Budget für die Kultur in Frankfurt vergleichsweise hoch. Es ist der höchste Pro-Kopf-Zuschuss eines kommunalen Haushalts bezogen auf die Bürgerinnen und Bürger. Zusätzlich gibt es in dieser Stadt eine gewachsene Tradition des Mäzenatentums und des engagierten Bürgertums. Das Städel Museum ist dafür ein leuchtendes Beispiel, wie auch das Senckenberg-Naturmuseum oder die Goethe-Universität. Dass die Bürger selbst Institutionen schaffen und unterstützen, ist doch ein sehr schöner Brauch. Und dass die Wirtschaft und Banken sich als Förderer einbringen, kann ich nur begrüßen.

Für jemanden, der lange in Berlin gelebt hat, muss das Frankfurter Kulturleben eine Art Schock gewesen sein?

In der Tat war es das, als ich vor etwa 20 Jahren nach Frankfurt kam. Ich hatte in Westberlin studiert und gelebt. Die Welt drehte sich dort langsamer. Frankfurt hingegen ist unglaublich schnell, es wird viel Geld verdient, und das sieht man der Stadt an. Aber hinter den Kulissen gibt es Räume des Experiments, des Verrückten, des Satirischen, des Unfertigen. Und ich möchte, dass diese Räume wieder stärker gewürdigt werden.

In Ihrem Programm spielen auch Flüchtlinge eine wichtige Rolle. Ihnen soll die Tür zur Kultur geöffnet werden. Wie soll das funktionieren?

Die Frage ist, wie bekommt man Jugendliche aus nicht-privilegierten Familien und Kinder Geflüchteter dazu, in kulturelle Einrichtungen zu kommen. Man könnte zum Beispiel Patenschaften initiieren, bei denen man mit den Jugendlichen ins Museum oder Theater geht. Ein Künstlerprogramm kann ebenfalls Brücken bauen. Künstler sollen einen Anreiz erhalten, in Schulen mit Kindern zu arbeiten und sie dabei unterstützen, sich über ihr ästhetisches Empfinden individuell auszudrücken. Es geht um Teilhabe und Anerkennung. Da werden wir uns Formate ausdenken, die zu einer Marke für Frankfurt werden sollen.

Wenn Museen und Theater sich für Geflüchtete öffnen sollen, bedeutet das, dass Sie ihr Angebot auf neues Sittlichkeits- und Moralempfinden umstellen müssen?

Nein! Die Freiheit der Kunst darf auf keinen Fall preisgegeben werden. Ich bin strikt dagegen, Rücksichten zu nehmen. Jeder kann sich dafür entscheiden, wegzuschauen. Das ist auch eine Freiheit, die wir vermitteln müssen. Wir können nicht anfangen, den Theatern und Museen Bilderverbote zu diktieren.

Neben der Flüchtlingsthematik beschäftigen uns die Europakrise und die jüngsten Entwicklungen in der Türkei. Frankfurt hat eine Partnerschaft mit dem westanatolischen Eskisehir. Wie könnte ein kultureller Austausch in Zukunft aussehen?

Was sich dort gerade in der Kultur und in der Wissenschaft abspielt, ist absolut erschreckend. Leider haben wir uns fälschlicherweise eingeredet, dass sich europäische Partnerschaften erledigt hätten. Aber die Dinge entwickeln sich anders: Es gibt nicht nur eine europäische Krise, eine Zunahme des Populismus und Spaltungstendenzen innerhalb von Gesellschaften, sondern jetzt auch noch diese autokratischen Strukturen in der Türkei, die wir nicht goutieren können. Da muss man aufstehen, protestieren, Kontakte aktivieren.

Spinnen und Skorpione im Senckenberg-Museum

Sie haben sich viel vorgenommen und einiges an Arbeit vor sich... Vermissen Sie den Müßiggang nicht manchmal ein wenig, das Lesen vielleicht?

Ich hoffe, dass ich in den nächsten Jahren einiges bewegen kann. Im Moment ist alles noch aufregend und neu. Natürlich lese ich gerade bei weitem weniger. Und die Literaturkritik ruht erst einmal.

Haben Sie denn auch eine Rückkehroption in den Journalismus, wie sie im Politikbetrieb gerade üblich ist, bei Regierungssprecher Steffen Seibert etwa?

In den vergangenen Jahren war ich freischaffend tätig, und das sehr gerne. Dahin könnte ich natürlich wieder zurück.

Quelle: op-online.de

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