Drohender Entsorgungsnotstand bei älteren Dämmplatten scheint überwunden

Gift: Eine Sache der Definition

Offenbach/Frankfurt - Einen „Schildbürgerstreich“ nennen Insider das seit Anfang Oktober geltende Verbot, alte mit dem schädlichen Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) versetzte Dämmstoffplatten als Bauabfall zu entsorgen, beziehungsweise sie an Müllverbrennungsanlagen abzugeben. Von Michael Eschenauer

Befürchtet wird ein Entsorgungsnotstand – aber eine Lösung des Problems ist in Sicht. „Abwarten“, riet Michael Werner, Sprecher des von FES und Mainova betriebenen Müllheizkraftwerks in der Frankfurter Nordweststadt allen verzweifelten Baufirmen oder privaten Häuslebauern, die nach Abriss oder Sanierung nicht mehr wissen, wohin mit den alten Styroporplatten. Er rechnete gestern mit einer baldigen Rücknahme des Annahmeverbots. Wenig später teilte das Hessische Umweltministerium mit, man bereite einen Erlass vor, der den Aufsichtsbehörden, den Betreibern von Müllheizkraftwerken und den Handwerkskammern in den kommenden Tagen zugeleitet werde. Aussage: HBCD-haltige Dämmplatten müssen bis auf weiteres nicht an der Baustelle getrennt werden. Wenn im gemischten Bauabfall nicht mehr als ein halber Kubikmeter Dämmplatten pro Tonne enthalten sei, entfalle die Einstufung als gefährlicher Abfall. Dieser könne dann wie bisher in Hausmüllverbrennungsanlagen landen.

In der Nordweststadt hatte man die Annahme des neuen Problemmülls für die Anlage mit einer Gesamtkapazität von jährlich 526  000 Tonnen schon seit Wochen komplett gestoppt. Im Offenbacher Müllheizkraftwerk der EVO mit einer Jahreskapazität von 250 000 Tonnen hat sich seit Anfang Oktober dagegen nur wenig verändert. „Wir haben die Dämmstoffe aus betrieblichen Gründen auch vorher nur in minimalen Mengen verfeuert“, so Sprecher Harald Hofmann.

Hintergrund der Entsorgungsturbulenzen war eine seit Anfang Oktober gültige Vorschrift, nach der abgebaute Dämmplatten aus Styropor für die Wärmeisolierung von Häusern nicht mehr als Brennmaterial bei Müllverbrennungsanlagen abgegeben werden dürfen. Bisher wurden sie gemeinsam mit dem Haus- und Gewerbemüll verfeuert. Die neue Restriktion stammt vom Bundesrat. Er hat beschlossen, dass Styropor, das aus Sicherheitsgründen mit dem Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan behandelt wurde, als Risiko-Abfall einzustufen ist. Betroffen ist demzufolge Dämmmaterial aus Polystyrol. Als Konsequenz muss das Material separat abgefahren und in Müllöfen mit Sondergenehmigung verbrannt werden.

Ein Traumhaus aus Stroh: Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen

Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft warnte bereits vor dem Entstehen neuer wilder Müllkippen. Die Ausfuhr des Risikomaterials ist verboten. HBCD fällt unter die „Persistenten Organischen Schadstoffe“, die in der Umwelt nur langsam abgebaut werden und sich im Fett von Mensch und Tier sammeln. Das Material schädigt möglicherweise die Fortpflanzungsfähigkeit, es ist weltweit verboten. Seit 2014 wird Polystrol durch Flammschutzmittel ersetzt, die als weniger problematisch gelten und rückstandslos verbren-nen. Die Menge, um die es geht, ist allerdings gewaltig: In den vergangenen 25 Jahren sind in Deutschland Schätzungen zufolge eine Million Tonnen von mit HBCD behandeltem Styropor-Dämmstoff an Häusern verbaut worden.

Das Umweltbundesamt versuchte die Sorgen von Menschen zu zerstreuen, die in Häusern leben, die mit HBCD-Dämmplatten isoliert wurden. Bei sachgerechtem Einbau werde nur sehr wenig des Risiko-Stoffs frei, hieß es. Man befürchte derzeit keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Gegenwärtig benötigen die Betreiber von Müllverbrennungsanlagennoch eine Sondergenehmigung, wenn sie das HBCD-Material annehmen wollen.

Die gestern aus Wiesbaden in Aussicht gestellte Lösung der Entsorgungsprobleme in Hessen zeichnete sich bereits ab: So hatte das Bundesumweltministerium die Länder ersucht, das Verbrennungsverbot für den Problemstoff zu lockern. Ein neuer Beschluss des Bundesrates zur Entsorgung von Alt-Styropor liegt allerdings noch nicht vor. Man begrüße jede Bestrebung einzelner Bundesländer, die Regelung zurückzunehmen, so Stephan Haufe vom Bundesumweltministerium gestern. Man habe die Entscheidung, HBCD-Platten als gefährlichen Abfall einzustufen nie für eine gute Entscheidung gehalten.

Das Umweltbundesamt vertritt die Einschätzung, Alt-Styropor sei kein Sondermüll, und die große Hitze, die auch in normalen Müllverbrennungsanlagen herrsche, mache eine unproblematische Verbrennung möglich. Der BDE Bundesverband der Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft mahnt eine bundesweit einheitliche Regelung an und warnt vor einem „gesetzgeberischen Flickenteppich“.

Quelle: op-online.de

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