Sebastian Krüger im Frankfurter Caricatura Museum

Gnadenlose Nahaufnahmen

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Pose mit Papagei: Das Federvieh auf der Schulter von Keith Richards verweist auf die schauspielerischen Ambitionen des Rolling-Stones-Gitarristen.

Frankfurt - Schonungslos rückt Sebastian Krüger seinen Modellen auf den Leib. Keine Falte, kein Makel, keine Eigenheit bleibt in seinen überlebensgroßen Gemälden verborgen, die jetzt im Frankfurter Caricatura Museum gezeigt werden. Von Carsten Müller 

Malender Karikaturist oder karikierender Maler: So ganz klar ist Sebastian Krügers Rolle nicht. Wie virtuos sich der 53-Jährige in diesem Spannungsfeld bewegt, zeigt eine Ausstellung im Frankfurter Caricatura-Museum. Im Haus am Weckmarkt sind 207 Zeichnungen, Skizzen, Drucke und großformatige Gemälde des leidenschaftlichen Porträtisten zu sehen, der es wie kein Zweiter versteht, charakterliche Merkmale liebevoll-ironisch auf den Punkt zu bringen.

Die Spanne reicht von frühen Cartoons, Titelbildern und Karikaturen für Zeitschriften wie „Spiegel“, „Stern“, „Capital“ oder „Rolling Stone“ über Plattencover, DVD-Innenhüllen im Stil der Kinoplakatmalerei bis hin zu großformatigen freien Arbeiten, die man durchwandelt wie eine Ahnengalerie der Popkultur, aus deren reichhaltigem Fundus sich Krüger virtuos bedient.

Kollektiv geläufige Motive verfremdet der akademisch ausgebildete Künstler durch Überzeichnung im gnadenlos ausgearbeiteten Detail oder steuert mit Requisiten wohl überlegte Pointen bei. Da tritt der unter die Schauspieler gegangene Rolling Stone Keith Richards beispielsweise mit Papagei auf, posiert der divenhafte Guns’N’Roses-Vortänzer Axl Rose hochnäsig mit blutendem Handgelenk, mutiert Bergsteiger Reinhold Messner zum Opfer seiner Yeti-Obsession oder verklären psychedelische Ornamente den Blick des LSD-Gurus Timothy Leary.

Es gibt ein Wiedersehen mit Musikgrößen wie Ozzy Osbourne, Sid Vicious, John Lennon, Lemmy Kilmister, Steven Tyler und immer wieder den Stones, denen der in Hameln geborene Künstler mittlerweile persönlich verbunden ist, aber auch mit Kinostars wie Sophia Loren, Elizabeth Taylor, Claudia Cardinale, Marilyn Monroe oder Brad Pitt. Ausdrücklich nennt Krüger Filmregisseure wie Sergio Leone, Ingmar Bergman, Sam Peckinpah, Roberto Rodriguez oder Nicolas Winding Refn als Vorbilder.

Krügers Werke sind weltweit in Galerien und Kunsthäusern vertreten und haben zuletzt sogar ins Museum gefunden, wie eben in das Frankfurter Caricatura, das kaum ausreichend Platz für diese pralle und entsprechend dicht gedrängte Werkschau bietet. Museumsleiter Achim Frenz bescheinigt dem Künstler, der als Sechsjähriger von „Asterix“-Heften fasziniert war und mit den Marvel-Zeichnern groß wurde, „tiefe Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des Porträtierten, intime Kenntnis der Personen und der Biografie“.

So war es auch bei der Verarbeitung eines bekannten Propagandamotivs aus dem Dritten Reich. Es zeigt einen aus dem Flugzeugfenster blickenden Adolf Hitler. Krüger hat das NS-Klischee durch die Mangel gedreht, wohl wissend, auf welch schmalem politisch-ästhetischen Grat er wandelt. Er zeigt den Diktator unrasiert und träumend – mit dem Daumen im Mund. Wochen habe er gebraucht, um ein Motiv zu finden, das dem üblichen „Verkehrsschild“-Design entflieht, erzählt Krüger, dessen Atelier in dieser Zeit mit Hitler-Darstellungen übersät war.

„Sebastian Krüger“ bis 30. Oktober im Caricatura Museum für Komische Kunst, Frankfurt, Weckmarkt 17. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Mittwoch 11-21 Uhr.

Auch an vielen anderen Exponaten der sehenswerten Frankfurter Schau wird deutlich, wie akribisch der Künstler zu Werke geht, wie schonungslos er den Persönlichkeiten zu Leibe rückt und wie virtuos er Eigenheiten herausarbeitet. So mancher Porträtierte nimmt’s mit Humor: Krüger kenne seine Falten besser als er selbst, sagt Stones-Gitarrist Keith Richards.

Quelle: op-online.de

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