Wo sich Tradition und Trend begegnen

Handwerkliche Brauereien auch in Hessen auf Vormarsch

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Handarbeit: Georg Schmidt betreibt seine kleine Brauerei „Braustil“ im Frankfurter Nordend.

Wiesbaden/Michelstadt -  Auch wenn Äppelwoi als hessisches Nationalgetränk gilt, hat das Bierbrauen hierzulande eine lange Tradition. Neueinsteiger suchen mit Craftbieren ihre Nische im umkämpften Markt. Von Bernd Glebe und Joachim Baier

Im Rheingau und an der Bergstraße wird Wein angebaut, auf den Wiesen rund um Frankfurt stehen die Apfelbäume für den Apfelwein. Bier kommt einem vielleicht nicht als erstes in den Sinn, wenn es um Berauschendes aus Hessen geht. Doch auch das Bierbrauen hat hier eine lange Geschichte. Während das 500. Jubiläum des Reinheitsgebotes für Bier gefeiert wird, ist der Biermarkt in Bewegung. Das gilt für eine der ältesten Brauereien Hessens in Michelstadt im Odenwald, aber auch für einer der jüngsten in Wiesbaden. In der Landeshauptstadt gingen die beiden Informatiker Holger Erbe und Daniel Benker mit ihrer Wiesbadener Braumanufaktur an den Start, im Juni 2015 wurde das erste Bier verkauft. „Ich kannte nur Standard-Biere, und die haben mir nicht geschmeckt“, erzählt der 49-jährige Erbe von seinen Anfängen. Deshalb begann er zuhause in der Küche als Hobby mit dem Brauen. „Ich konnte mir schnell gut vorstellen, welche Rezepturen zusammenpassen. Und dann ist das gar nicht so kompliziert.“

Auf Craftbier hat sich das Duo spezialisiert: Ein handwerklich gebrautes, vollmundiges Bier, das malzig schmeckt und mit speziellen fruchtigen Aromen wie Citrus und Grapefruit angereichert wird. Der Alkoholgehalt liegt wie etwa bei einem Weißbier bei 5,4 bis 6,0 Prozent. Drei Sorten gibt es bei den Wiesbadenern im Angebot: Pale Ale, Amber Ale und India Pale Ale. Zur Fußball-Europameisterschaft kommt extra eine limitierte Auflage eines EM-Biers auf den Markt.

Die Stimmung in der Michelstädter Bier GmbH, in der seit 1721 gebraut wird, ist gedämpfter: „Es ist schlecht, allein zu überleben“, sagt Brauer Hans-Dieter Repp, der seinen Job seit 28 Jahren macht. Zwischen 2 500 und 3 000 Hektoliter würden im Jahr noch gebraut, zu wenig, um mithalten zu können. „Wir haben mit großen Brauereien zu kämpfen“, sagt der 56-Jährige. „Man findet heute auch nicht mehr die klassische Gaststätte, um ein Bier zu trinken.“ Das muss früher ganz anders gewesen sein. Einst gab es in Michelstadt zwölf Brauereien. Oft war der Brauer zugleich der Wirt.

Die Michelstädter wurden zum 1. Mai von der Pfungstädter Brauerei übernommen, der nach eigenen Angaben größten Privatbrauerei Hessens. „Es geht auch darum, Kultur und Brauidentität in der Region zu erhalten“, sagt Sprecher Dirk Sewe (47). Die Brauerei zählt rund 125 Beschäftigte, machte 2015 etwa 30 Millionen Euro Umsatz und hat einen Ausstoß von jährlich rund 300.000 Hektolitern. Im bundesweiten Vergleich „liegen wir von der Größe mittendrin“, sagt Sewe. „Davon gibt es vielleicht noch eine Handvoll.“

In Michelstadt werde noch per Hand gebraut, erzählt Brauer Repp, nicht mit der Technik großer Brauereien. „Der einzige Computer von uns steht im Büro. Irgendwann rechnet sich der Aufwand aber nicht mehr, wenn das Bier handwerklich hergestellt wird.“

So arbeiten aber die beiden Jung-Brauer aus Wiesbaden. Erbe und Benker machen alles selber. „Wir kleben auch jedes einzelne Etikett auf die Flaschen und packen sie ein“, berichtet Erbe. Ausgeliefert wird unter der Woche mit dem eigenen Auto – ihren Lebensunterhalt verdienen sie aber mit der Arbeit in einer IT-Firma.

Die Kunden, zu denen neben Händlern auch Gaststätten zählen, liegen alle in einem überschaubaren Umkreis rund um die hessische Landeshauptstadt. Zusätzlich wird ein Online-Shop für den bundesweiten Verkauf betrieben. Vor allem als Sixpack läuft der Verkauf. Kistenweise wird das Craftbier noch nicht vertrieben.

Mit einem Startkapital von 50.000 Euro ging es für die beiden Informatiker in einer ehemaligen Metzgerei los. Gebraut wird in dem überschaubaren Areal nur am Samstag, dafür regelmäßig von 8 bis 18 Uhr. 800 bis 900 Liter werden pro Monat produziert. 50 Fässer à 30 Liter gibt es im Sortiment. Die zwei Braukessel haben ein Volumen von 525 Litern. Ziel ist es, in diesem Jahr die Produktion auf 2 500 bis 3 000 Liter pro Monat hochzufahren.

„Craft“ bedeutet „Handwerk“. In den USA entstand diese Bezeichnung als Gegenbegriff zu den Bieren großer Marken. Nach Angaben des Brauerbunds entfallen etwa 0,5 Prozent des Bierabsatzes in Deutschland auf die sehr hopfenbetont-fruchtigen Craftbiere. In Hessen sei die Größenordnung auf ähnlichem Niveau, sagt der Geschäftsführer des Landesbrauerbundes, Axel Jürging. Mir dem Craftbier sei ein noch jüngerer Trend aus den USA nach Deutschland gekommen. Das Bier bewege sich in einem aufstrebenden, spezialisierten Markt, erklärte der Geschäftsführer. „Das zeigt, wie beweglich und kreativ die Branche im Land ist.“ Verlässliche Zahlen zum Craft-Beer-Absatz in Deutschland gibt es nicht, aber laut Statistischem Bundesamt steigt die Zahl aller Brauereien – man kann davon ausgehen, das dies überwiegend kleine Hersteller sind.

Die besten Bier-Weltrekorde

Mit herkömmlichem Bier lassen sich zumindest in Europa und den USA kaum noch Umsatzsteigerungen erzielen. Der Bierabsatz geht dort seit Jahren zurück. Die Braukonzerne versuchen deshalb, ins sogenannte Premium-Segment zu kommen, sprich: Biere zu verkaufen, für die ihre Kunden mehr Geld zahlen.

Craft Beer gehört definitiv dazu. Bei zwei Euro für die 0,33-Liter-Flasche geht es in der Regel los, man kann aber auch locker mehr als 20 Euro auf den Tisch legen. Das liegt zum einen daran, dass Craft Beer sich einfach für mehr Geld verkaufen lässt. Zum anderen werden für die Herstellung aber oft auch mehr Hopfen und Malz – für intensiveren Geschmack – verwendet. Die Einkaufspreise der Rohstoffe für kleine Brauereien sind außerdem natürlich deutlich höher als für Beck’s & Co.

Und wenn große Konzerne jetzt auch ins Craft-Beer-Business einsteigen, könnte sich das noch verschärfen. Georg-Augustin Schmidt trinkt einen Schluck von seinem „Frankfurt Pale Ale“. Er ist eigentlich Immobilien-Sachverständiger, hat 2014 die Mikrobrauerei „Braustil“ eröffnet, auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle im Frankfurter Nordend. Einen Wettbewerb mit großen Konzernen um seine Kunden fürchtet er zwar nicht, aber die Nachfrage nach speziellen Hopfensorten sei schon jetzt sehr hoch.

Seine Wiesbadener Kollegen Holger Erbe und Daniel Benker können von ihrer Brauerei noch nicht leben. Ob sie es tatsächlich wollen, wenn das Geschäft boomt, steht noch in den Sternen. „Wir liegen zwar schon jetzt deutlich über Plan“, berichtet Erbe. Es wären aber mindestens 10.000 Liter pro Monat notwendig, wenn die Brauerei Hauptstandbein des Duos werden sollte.

Mehr werden soll es auch in Michelstadt. Nach der Übernahme soll die Produktion dort auf fast 6 000 Hektoliter im Jahr verdoppelt werden – und das Bier die Reise ins ferne Ausland antreten. „In den USA und in Asien ist man total verrückt auf Bier mit Tradition. So wird ein Schuh draus“, sagt Sewe.

dpa

Quelle: op-online.de

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