„Ich war noch niemals in New York“

Udo Jürgens’ Musical ab Dezember in der Alten Oper

+
Zuckersüßer Kuss, serviert mit knalliger Klischee-Kirsche: Die Liebesgeschichte von Lisa (Ann Mandrella) und Axel (Tobias Licht) wird in „Ich war noch niemals in New York“ wenig überraschend mit Happy-End angerichtet. Unterhaltsam ist’s trotzdem: Nicht zuletzt dank Schunkel-Garantie und Glitzer-Kostümen.

Frankfurt - Gastspiel für Leckermäulchen: Das Musical „Ich war noch niemals in New York“ serviert Udo Jürgens’ Top-Hits als komödiantische Kalorienbombe mit Zuckerguss. Dazu: drei Liebesgeschichten, eine Prise Nachdenklichkeit, und das alles bitte mit Sahne. Ab Dezember gastiert die Ohrwurm-Revue in der Alten Oper Frankfurt. Von Eva-Maria Lill

Süßes verdirbt Feinschmeckern bekanntlich leicht den Magen. In geringen Mengen aber fördert’s Fröhlichkeit und Lebenslust. Ganz ähnlich: „Ich war noch niemals in New York“ mit den Hits von Lieblings-Schlager-Oberst Udo Jürgens. Da streicheln sich schwitzige Chippendales-Matrosen über Muskelberge, busserln zwei Buben auf der Traumschiff-Reling. Dazwischen wirbt Testosteronhengst Axel um die Gunst der dauergestressten Lisa – und das alles im rosaroten Barbiehaus-Ambiente. So viel Zucker könnte Krämpfe auslösen, ist allerdings im Zweieinhalb-Stunden-Happen eher Leckerchen statt Laster. Das liegt vor allem an der zeitlosen Aura von Udo Jürgens’ Hits. Wer nicht schon beim Lesen von Titeln wie „Griechischer Wein“, „Aber bitte mit Sahne“ und „17 Jahr, blondes Haar“ von Ohrwürmern angeknabbert wird, kann diese Bildungslücke ab Dezember in der Alten Oper Frankfurt schließen. Mit Glitzer, Gassenhauer, Generationenkonflikt. „Ich war noch niemals in New York“ ist zwar nichts für Handlungsfans, nichts für Kitschallergiker. Aber für alle anderen.

Im Gute-Laune-Garanten geht es nicht um Jürgens’ Biografie. Der Österreicher hatte jedoch seit der allerersten Idee 2003 seine Finger im musikalischen Spiel. „Udo lieh dem Stück nicht bloß seinen Namen“, verdeutlicht Choreografin Kim Duddy hinter den Kulissen des Wiener Raimundtheaters, „er war das Stück“.

In den Mittelpunkt stellte Jürgens drei buntkuschelige Liebeleien. Lisa Wartberg (Ann Mandrella), erfolgreiche TV-Reporterin und Spaßbremse vom Fach, stürmt entsetzt ins Altenheim. Ihre Mutter Maria (Dagmar Bienert) ist spontan mit Partner Otto (Gunter Sonneson) ausgebüxt. Ziel: ein Luxusdampfer, der Richtung New York schippert. Während Wartberg tobt, schlendert Lederjacken-Sunnyboy Axel Staudach (Tobias Licht) in die Rentnerresidenz. Er, ganz coole Nonchalance, sucht mit Sohn Florian an der Hand nach seinem Vater – Otto. Es kommt, wie’s kommen muss. Axel und Lisa zicken, zoffen, reisen den Eltern hinterher und vergucken sich mit zunehmender Distanz zum heimischen Hafen ineinander. Auch an Bord: Lisas tuntiger Friseur Fred (Uli Scherbel) und sein Lebensgefährte Costa (Gianni Meurer). Die Liebesschnulzen-Show rund um Rentner, Schwule, Workaholics vertritt ansonsten eher klassische Werte: Am Ende siegt Gefühl über Karriere, Gesellschaft und Alter. Wenn dann Paare zum Udo-Mega-Mix unter Lampions turteln, gehen Besucher zwar wenig schlauer, aber fantastisch unterhalten nach Hause. „Darauf kommt es doch an“, sagt „Axel“-Schauspieler Tobias Licht, „auf glückliche Gesichter im Publikum.“ Und: „Unsere Welt könnte ohnehin mehr Kitsch vertragen.“

Der Erfolg gibt ihm Recht. „Ich war noch niemals in New York“ ist nach Veranstalterangaben das kommerziell erfolgreichste Musical Deutschlands, lockte seit der Hamburger Premiere 2007 etwa vier Millionen Zuschauer. Ende des Jahres geht’s mit Wiener Ensemble auf Tour.

Abspe- cken mussten dafür weder Bühnenbild noch Emotion. Auf Diät gesetzt hat Regisseurin Carline Brouwer hingegen die rund 20 Hits und viele Dialoge: Rund 18 Minuten schlanker ist Udo nun für die Reise. Trotz Entschlackung bleibt es vor allem eine Nummernrevue für Jürgens-Jünger. Manche Motive dienen allein dazu, möglichst viele Hits lose aneinander zu backen: Natürlich stammt Costa rein zufällig vom hellenischen Festland, damit in der Taverne reichlich Roter zu „Griechischer Wein“ fließen kann. Das wirkt bisweilen unfreiwillig komisch. Zum Glück entschädigt grandios verrockte Selbstironie, wenn Axels kleiner Sohn unter Batschkapp und Macho-Gesten „Mit 66 Jahren“ auf die Schiffsplanken legt.

Auch am 21. Dezember wird das Ensemble auf der Frankfurter Bühne tanzen. Ein besonderes Datum. Denn genau zwei Jahre zuvor starb Udo Jürgens im Alter von 80 Jahren. Fast alle Darsteller kannten ihn persönlich. Gianni „Costa“ Meurer erinnert sich: „Wir haben noch ein paar Wochen vor seinem Tod gemeinsam mit ihm am Klavier gesungen. Da wirkte er schon etwas stiller und hatte wenig Energie.“ Uli Scherbel (Fred) hakt ein: „Aber sobald er musizierte, war er wieder ganz der Alte.“ Doch wie tickte das Schlager-Genie? „Er war ein Gentleman der alten Schule, auch ein sehr politischer Mann“, sagt Meurer. Und nicht immer einfach. „Ein Perfektionist“, lacht Regisseurin Brouwer. „Bei der Premiere des Musicals in Hamburg hat er mir von hinten gegen den Sitz getreten, wenn eine Szene nicht hundertprozentig lief, wie er das wollte.“

Jetzt ist Udo nicht mehr da, um zu mahnen, zu kritisieren und zu treten. Daran gedacht, das Musical nach Jürgens’ Tod abzusetzen, haben Darsteller, Regie und Choreografie nicht. „Stattdessen sehen wir uns in der Verantwortung “, verdeutlicht Brouwer. „Wir wollen eben, dass er von oben zuguckt und nicht meckern muss. Sondern stolz sagt: Das habt ihr gut gemacht.“

„Ich war noch niemals in New York“ vom 16. Dezember bis 7. Januar in der Alten Oper Frankfurt. Der Vorverkauf läuft.

Quelle: op-online.de

Kommentare