Heute Beisetzungen des erschossenen Hells Angels-Chefs

Kriminologe erklärt: So ticken die Rocker-Clubs

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Ein Rocker mit Totenmaske nimmt 2012 in Frankfurt an einem Protestkorso teil.

Wettenberg - Wie ticken Rocker-Clubs? Der Rechtsanwalt und Kriminologe Florian Albrecht weiß es aus eigenem Erleben. Er vertritt zuweilen auch Hells Angels. Vor der Beerdigung des erschossenen Gießener Hells Angels-Chefs erklärt Albrecht die große Anteilnahme in der Szene.

Der erschossene Gießener Hells Angels-Chef Aygün Mucuk wird heute in Gießen beigesetzt. Die Polizei rechnet mit großer Anteilnahme an der Trauerfeier für den getöteten Rocker-Boss. Mehrere hundert Trauergäste werden erwartet, darunter zahlreiche Rocker. Medienberichten zufolge haben sich Anhänger der Hells Angels aus dem In- und Ausland angekündigt. Der Kriminologe und Rocker-Milieu-Experte Florian Albrecht führt die Anteilnahme auf die Geschlossenheit unter Gleichgesinnten zurück. "Zusammenhalt ist eine treibende Kraft für Rockerclubs. Das ist prägend für solch eine Subkultur, die von der Gesellschaft ausgegrenzt wird", sagte der Polizeiwissenschaftler, der als Rechtsanwalt den Hells Angels MC Stuttgart in Kutten- und Waffenverbotsverfahren vertreten hat und als Kenner der Szene gilt. Die Beisetzung ist am Nachmittag auf einem Gießener Friedhof geplant.

Der 45-jährige Mucuk war am Freitag auf dem Gelände des Clubheims in Wettenberg (Kreis Gießen) von mindestens 16 Kugeln getroffen worden. Die Ermittlungen zu dem spektakulären Kriminalfall laufen. Mutmaßliche Täter wurden noch nicht gefasst. Zum zuweilen martialischen Auftreten von Rockern sagte Albrecht: "Rocker legen hohen Wert auf Ehrbezeugung und Respekt. So etwas wird einem leichter erwiesen, wenn man seinem Gegenüber zuweilen auch Furcht einflößt. Das ist ein Faktor, den Rocker sicherlich auch im Blick haben." Um sich als Gruppe auszuweisen, tragen die Mitglieder von Rocker-Clubs Kutten. Bei den Hells Angels sind sie versehen mit einem Totenkopf. "Die Kutte ist ein Symbolgegenstand, die auch die Ehre des Trägers verkörpern soll." Es sei ein wichtiges Kleidungsstück mit "hoher Repräsentationsfunktion", erklärte Albrecht.

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Albrecht (39), der an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl (NRW) lehrt, hält die landläufige Behörden- Meinung, dass es in den meisten Rocker-Clubs kriminell zugehe, für überzogen. "Nicht alle Rocker sind Kriminelle. Die Polizei behauptet zwar, dass Rocker-Clubs die Kriminalität fördern. Soziologen aber sagen, dass solche Mitgliedschaften entgrenzten Personen, zum Beispiel aus dem Rotlicht-Milieu, auch Halt geben können. "Man müsste sich fragen: Was würden solche Jungs machen, wenn sie nicht bei den Hells Angels wären. Man müsste fragen, ob die Mitgliedschaft in einem Rockerclub nicht auch Kriminalität verhindert."

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Straftaten von Rockern führt er überwiegend auf Einzeltaten zurück und sieht darin grundsätzlich kein geplantes Vorgehen der Gruppe. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes haben sich in Deutschland rund 9300 Rocker in mehr als 600 lokalen Ablegern organisiert. Seit 1983 haben deutsche Behörden mehr als 30 Clubs als kriminelle Vereinigungen verboten. Die Hells Angels gelten als mächtigster und mitgliederstärkster Rockerclub der Welt. Die "Höllenengel" wurden 1948 von Kriegsveteranen in Kalifornien gegründet, der Name stammt von einer Bomberstaffel. Ihr Emblem ist der geflügelte Totenkopf. Aus der Gruppe von Harley-Davidson-Fans wurde eine straff geführte Organisation mit Mitgliedern in rund 30 Ländern.

Der erste deutsche Ableger entstand 1973, heute sind es schätzungsweise 1000 Mitglieder. Zwischen verschiedenen Rocker-Gruppen entstehen immer wieder Konflikte, die auch mit Waffengewalt ausgetragen werden. Es kommt zuweilen zu Verletzten und auch Toten. Im Fokus der Ermittler sind Mitglieder von Rocker-Gruppen vor allem wegen Rauschgifthandels und -schmuggels. Außerdem geht es um kriminelle Aktivitäten im Türsteher- und Rotlichtmilieu.

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Quelle: op-online.de

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