Liebesdrama von hoher Sprengkraft

Barrie Kosky inszeniert „Carmen“ an Frankfurter Oper

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Paula Murrihy in der Titelrolle der Frankfurter „Carmen“-Neuinszenierung. Mit ihrem Mezzosopran soll sie gegen das herrschende Klischee ansingen und -spielen.

Frankfurt -  Der australische Regisseur Barrie Kosky inszeniert den Opern-Dauerbrenner „Carmen“ an der Frankfurt Oper und will dabei eingefahrene Wege verlassen. Von Klaus Ackermann

Seine erste „Carmen“ hat er schon als Elfjähriger im australischen Melbourne erlebt. Auf der Schallplatte seiner musikliebenden ungarischen Großmutter. Jetzt inszeniert Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, erstmals den Opernbestseller in Frankfurt und hat sich dabei der erneuten Mitarbeit des griechischen Dirigenten Constantinos Carydis versichert. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr im Opernhaus am Willy-Brandt-Platz. Es gibt drei Opern, um die Kosky lange Zeit einen großen Bogen gemacht hat. „Weil der Erwartungsdruck des Publikums enorm hoch ist“, sagt er. Dazu gehören Mozarts „Zauberflöte“, die der Australier erfolgreich auf die Bühne der Komischen Oper brachte, Puccinis „La Bohème“, die er demnächst angeht, und „Carmen“, für die er einen neuen Ansatz ohne all die Klischees fand, mit denen diese starke Frau innerhalb einer langen Rezeption behaftet ist.

Regisseur Barrie Kosky

Carmen, Verführung in Person, in die sich der brave Sergeant Don José unsterblich verliebt, den sie aber wegen seiner heftigen Eifersucht schon bald verlässt. Auch in der letzten Aussprache beharrt sie auf ihrer Freiheit – und wird vom Geliebten erstochen. „Carmen“ – das sei eine äußerst radikale Geschichte, die in der französischen Opernlandschaft des späten 19. Jahrhunderts wie eine Bombe einschlug, so Kosky, der das Drama aus der Sicht seiner Titelheldin zeigen will. Das funktioniere nicht ohne die für Bizets Opera comique typischen gesprochenen Dialoge, die in Frankfurt einer Erzählerin anvertraut werden, „gleichsam Carmens Stimme“, sagt der Regisseur. Radikal sei auch die Musik, „eine grandiose Partitur, mit nur wenigen spanischen Anleihen. Das fängt als Operette an und wächst im dritten Akt zur großen Oper mit Ausblicken auf Debussy und Ravel“, so Kosky, der in seiner Inszenierung diese Extreme mit Leichtigkeit und der gewissen Ironie vereinen will. Deshalb wird nicht nur gelitten, sondern auch getanzt. Bei kleiner Orchesterbesetzung und ohne brüllende Gesangsstars.

Kosky ist da im Einklang mit der Dirigenten-Legende Bruno Walter, der sein „Carmen“-Ideal in der Wienerin Fritzi Massary sah, berühmteste Operettensängerin ihrer Zeit. In Frankfurt wird Ensemblemitglied Paula Murrihy die Titelrolle gestalten. „Ein Mezzosopran, weit weg vom Carmen-Klischee, der mit Körper und Seele singt und spielt“, lobt der australische Regisseur.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Für seine Inszenierungen hat er ein Ritual entwickelt, badet zunächst in der jeweiligen Musik von unterschiedlichen Dirigenten und Sängern, um eine Eingebung zu bekommen. Bei den Proben wird dann intensiv am Text gearbeitet. Den szenischen Rahmen für Carmen habe er schon zwei Jahre zuvor gestellt, so Kosky. 80 Prozent der Ideen würden dagegen bei den Proben entwickelt. Nach der Premiere, ob nun umjubelt oder verrissen, falle er erst mal in eine tiefe Depression, was auch mit Abschiedsschmerz zu tun habe. Dann vergräbt er sich in seinem Berliner Intendantenbüro. Business as usual also. Und vielleicht schon der Gedanke an neue Regietaten. 2017 wird Kosky Wagners „Meistersinger“ in Bayreuth inszenieren. Ein Mann für viele Fälle, ob nun Oper, Musical, Kabarett oder Operette. Ein Verfechter der „Promenadenmischung“ wie sein erklärtes Vorbild, der Theatermacher Max Reinhardt. Und ein Hundefreund dazu.

Quelle: op-online.de

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