Ansteckende Krankheit vermindert Bestand

Luchse ringen mit der Räude

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Ein Luchs streift durch sein Revier. Aufgetaucht ist das Tier erstmals seit 1833 wieder Mitte der 1980er Jahre.

Wiesbaden - Nach mehreren Jahren mit erfreulichen Neuigkeiten zu den hessischen Luchsen muss der Bestand nun einen empfindlichen Rückschlag verkraften. Von Andrea Löbbecke (dpa)

Sehr wahrscheinlich hat kein Jungtier die Saison 2015/2016 überlebt, wie die Experten von Hessenluchs gestern in Wiesbaden erklärten. Den Luchsen setzt die Räude zu. Die Population mit einer Größe von höchstens zehn Luchsen bezeichnete Koordinator Thomas Norgall dennoch als „stabil“. Immerhin kamen die Biologen mit Fotofallen auch einem bislang unbekannten Neuankömmling auf die Spur.

Warum hat vermutlich kein Jungtier die Saison überlebt?

Die Experten von Hessenluchs hatten zunächst registriert, dass die Luchsin „F7“, die ein Senderhalsband trug, drei Junge zur Welt gebracht hatte. Allerdings wurde das Muttertier im November krank gefunden und musste wegen ihres starken Befalls mit Räudemilben eingeschläfert werden. Es sei unwahrscheinlich, dass die Jungen überlebt haben, sagte Norgall. „Sie war sehr geschwächt und nur noch damit beschäftigt, sich zu kratzen.“

Gab es auch Verluste bei den erwachsenen Tieren?

Es ist zu befürchten, dass noch mehr Luchse an Räude verendet sind. Diese Krankheit wird von Füchsen übertragen. Der Verhaltensbiologe Markus Port leitet ein Fotofallen-Projekt in Nordhessen. Von den bislang sechs sicher identifizierten Luchsen (darunter „F7“) ist eines in den Harz abgewandert. Zwei weitere, vermutlich weibliche Tiere, wurden seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesichtet. Port fürchtet, dass sie ebenfalls tot sind.

Wie können die Experten einzelne Luchse unterscheiden?

Trägt ein Tier kein Senderhalsband, dann ist die Identifizierung schwer. Eine gute Chance haben die Biologen allerdings, wenn der Luchs in die Fotofalle tappt und die Fellzeichnung an seinen Beinen zu erkennen ist. Diese ist bei jedem Tier unterschiedlich. Die Experten von Hessenluchs zählen aber neben den gesicherten Nachweisen mit der Wildkamera auch weitere Sichtungen und Hinweise. Diese summierten sich 2015/2016 laut Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) auf 145, nach 179 im Vorjahreszeitraum.

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Einige Luchse haben sogar Namen, etwa „Felux“ oder „Pou“ - wie kommt das?

„Wir haben zwölf Kamera-Patenschaften an Schulen in Nordhessen vergeben“, berichtet Biologe Port. Tappt ein Neuzugang vor die Linse, dann dürfen ihm die Kinder einen Namen geben. Zu den anderen Hessenluchsen zählen „Braunie“, der jedoch zuletzt im Dezember 2014 fotografiert werden konnte, „Kuno“, der inzwischen im Harz auftauchte und „Pou“, der Neuzugang. Das Tier geriet im März 2016 erstmals in die Fotofalle. Die Biologen hoffen, dass es ein Weibchen ist und möglichst für Nachwuchs sorgt.

Woher stammen die hessischen Luchse?

Mitte der 1980er Jahre tauchte in Hessen erstmals seit 1833 wieder ein Luchs auf. Forstarbeiter im Kellerwald (Kreis Waldeck-Frankenberg) erkannten ihn an seinem Stummelschwanz und den Pinselohren. Ab September 1999 häuften sich laut Hessenluchs die Sichtungen im Werra-Meißner-Kreis. Die Experten glauben, dass die Tiere aus Niedersachsen zugewandert sind, im Harz gibt es seit 2000 ein Auswilderungsprojekt.

Seit wann kümmern sich die Experten von Hessenluchs um die Pinselohren?

Der Arbeitskreis wurde 2004 auf Initiative des Ökologischen Jagdvereins Hessen und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland gegründet. Hauptaufgabe ist die systematische Erfassung der Population. Rund 50 Luchsbeauftragte stehen als Ansprechpartner in den Landkreisen zur Verfügung. Ihre Arbeit ist noch lange nicht erledigt.

Quelle: op-online.de

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