Immer wieder ins Risiko gehen

Manfred Krupp will als HR-Intendant junges Publikum überraschen

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Chef mit Stallgeruch: Intendant Manfred Krupp hat seinem Sender die Treue gehalten,

Frankfurt - Seit Anfang März ist Manfred Krupp (60) Intendant des Hessischen Rundfunks. Von Stefan Michalzik 

Seine Laufbahn hat der studierte Politologe 1984 mit einem Volontariat beim hr-Fernsehen begonnen, bald hat er aus dem Landtag in Wiesbaden berichtet, später die Verantwortung für die Hessenschau übernommen. Von 2001 an ist er Chefredakteur des Fernsehens und seit 2005 Fernsehdirektor gewesen.

Was reizt einen am Posten des Intendanten? Ist nicht der praktische Journalismus viel interessanter?

Auf diesem Feld habe ich mich reichlich austoben können. Je älter man wird, umso interessanter wird es, anderen den Rücken freihalten zu können. Es ist reizvoll, dass ich jetzt einen Sender prägen kann, der mich zuvor in meiner Laufbahn geprägt hat.

Was sagen Sie zu Ihrer eigenen Findung?

Es ist für mich überraschend gewesen, wie unkompliziert das vor sich ging. Selbst einige der Rundfunkratsmitglieder, die gegen mich gestimmt hatten, haben mir versichert, dass sich ihr Votum nicht gegen meine Person gerichtet habe. Ich weiß, dass mich einige Politiker gewählt haben, die ich als Journalist sehr kritisch behandelt habe. Das nötigt mir Respekt ab.

Es ist kolportiert worden, Ministerpräsident Bouffier habe Einfluss genommen.

Bestimmte Legenden, die im Internet kursierten, kann ich nicht bestätigen. Während des ganzen Verfahrens ist die Staatskanzlei nicht ein einziges Mal an mich herangetreten. Mein erstes Gespräch mit Volker Bouffier habe ich zwei Monate nach der Wahl geführt.

Wie viele Hörfunkprogramme braucht der HR?

So viele, dass es uns gelingt, möglichst viele gesellschaftliche Schichten zu erreichen. Anders als andere Sender verfolgen wir eine Flottenstrategie. Das heißt: Wir haben jetzt sechs Hörfunkprogramme, mit denen versuchen wir, sehr zielgerichtet auf die Bedürfnisse bestimmter Hörergruppen einzugehen. Es ist übrigens ein Irrtum, davon auszugehen, dass allein die Zahl der Wellen schon etwas über die Kosten aussagt.

Wie lässt sich das belegen?

Bei einem aufwendigen Programm wie hr-iNFO müssen wir das meiste Geld pro Hörer ausgeben. hr3 und YOU FM dagegen kommen mit einem geringen Budget aus, zum Teil refinanzieren sie sich über die Werbung selbst.

Braucht es beim hr-Fernsehen eine Neuausrichtung? Für viele stellt es ein Gespött da, nach der Devise: immer nur „Die schönsten Schlösser“ und ähnliches...

Das hr-Fernsehen erreicht mit seinem klar auf Hessen ausgerichteten Angebot so viele Nutzer wie nie zuvor. Das stark regionalisierte Programm schafft über eine positive Identifikation so etwas wie einen Stolz auf Hessen. Je unübersichtlicher die Welt wird, desto größer wird das Bedürfnis nach Orientierung und nach Heimat.

Das nennt man Eskapismus.

Wir wissen, dass die Menschen, die wir mit diesen Angeboten erreichen, durchaus bereit sind, sich mit den schwierigen Themen in der Hessenschau auseinanderzusetzen. Ganz besonders freut es mich, dass die Infoschiene am Mittwochabend derart gut angenommen wird.

Es gibt viele Wiederholungen.

Der durchschnittliche Fernsehzuschauer kann heute aus über 70 Programmen auswählen. Wenn eine Sendung auf einen Marktanteil von zehn Prozent kommt, heißt das, dass neunzig Prozent des Fernsehpublikums sie noch nicht gesehen haben.

Unter jungen Menschen gilt Fernsehen nicht als besonders hip, abgesehen von bestimmten Serien, und die kommen aus Amerika.

Das ist ein sehr oberflächlicher Blick. Überdurchschnittlich viel Zuspruch gibt es unter den Jungen beispielsweise für den „Tatort“ und beim Sport. Viele entdecken die Hessenschau erst mal über Facebook, bei den 30- bis 49-Jährigen beobachten wir, dass sie dann das klassische lineare Programm für sich entdecken. Eine Studie hat gezeigt, dass die Millennials, die Generation also, die sich um das Jahr 2000 herum im Kindes- und Teenageralter befunden hat, in der Mediennutzung wieder konservativer wird.

Was steckt dahinter?

Die Leute sind es müde, ihre eigenen Playlists zusammenzustellen. Sie wollen überrascht werden. Wir müssen immer wieder bereit sein, ins Risiko zu gehen. Nur so können wir ein junges Publikum gewinnen. Der Gesellschaft tut es nicht gut, wenn die jungen Menschen nur noch wahrnehmen, was sie ausgefiltert haben. Angesichts bestimmter Tendenzen wird es immer wichtiger, dass wir etwas anbieten, was für sie interessant und zugleich aber auch relevant ist für unsere Gesellschaft.

Im Haushalt 2016 ist ein Defizit von 82 Millionen Euro eingeplant. Wie soll der Sender saniert werden?

Tatsächlich sind wir da an Grenzen angekommen, ein weiterer Personalabbau wäre ohne Einschnitte im Programm nicht möglich. Im Jahr 2015 hat das Defizit bei etwas über 50 Millionen Euro. gelegen. Für das Defizit gibt es nur einen einzigen Grund: die Rückstellungen für die Altersvorsorge unserer Mitarbeiter. Im operativen Bereich, also für feste Kosten und Programm, geben wir nicht mehr aus als wir einnehmen.

Wie stehen Sie zur Debatte um die Senkung des Rundfunkbeitrags?

Seit vielen Jahren hat es keine Erhöhung gegeben, sondern sogar eine Absenkung – zeigen Sie mir einen gesellschaftlichen Bereich, wo das so ist. Nun hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) den Finanzbedarf noch einmal um dreißig Cent niedriger angesetzt. Damit können wir leben. Mein Vorschlag geht aber dahin, mit diesen dreißig Cent Rücklagen zu bilden, die den Nutzern in Zukunft zugute kommen, weil dann größere Beitragsanhebungen vermieden werden können.

Was macht die Identität der öffentlich-rechtlichen Sender in der Unterhaltung aus? Es gibt ja die kritische Position: Hits abspielen, Filme zeigen, das kann doch jeder.

Die These würde bei den szenischen Produkten keiner lange aufrecht erhalten. Hochwertige Fernsehspiele stehen gegen einen Qualitätsverfall. Wir sind immer wieder bereit, dramaturgische Risiken einzugehen. Die Qualität bekommen wir auch immer wieder bestätigt: Beim Deutschen Filmpreis in diesem Jahr haben zwei Produktionen, an denen der hr beteiligt gewesen ist, neun Lolas bekommen. Das duale System ist ein Garant für Qualität, auch bei den Privaten. Wir setzen da schon Standards. Ich glaube. deren Niveau würde sonst sehr schnell sinken. Das Bild der Gesellschaft kann nicht nur aus dem Dschungelcamp bestehen.

Quelle: op-online.de

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