Öffentlichkeit nicht informiert

Mörder flieht aus Haft

Frankenthal/Limburg - Ein verurteilter Mörder flieht beim begleiteten Ausgang. Obwohl die Fahndung tagelang erfolglos bleibt, wird die Öffentlichkeit in Unkenntnis gelassen. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür gute Gründe.

Seit Tagen ist ein verurteilter Mörder und Vergewaltiger auf der Flucht aus der Haft in Diez, entkommen bei einem begleiteten Ausgang in dem nahe gelegenen Limburg. Die Fahndung läuft an, doch die Öffentlichkeit wird nicht informiert. Erst am vergangenen Montag kommt der Fall durch einen Medienbericht ans Licht. Die Vorkommnisse und das Vorgehen der Behörden werfen Fragen auf.

Wie ist es zur Flucht des Mannes gekommen?

Nach Angaben der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Diez ist der 47-Jährige am Dienstag vor einer Woche bei einem begleiteten Ausgang im Stadtgebiet von Limburg entwischt. Begleiter war ein Justizvollzugsbeamter. Ein solcher Ausgang ist eine weitere rechtliche Lockerung - der Mann war bereits in den vergangenen Jahren mehrfach ausgeführt worden. Die Begleitung diene als Ansprechpartner und solle beobachten, sagt JVA-Leiter Josef Maldener. "Sie hat aber nicht die Verpflichtung, ihn jede Minute im Auge zu behalten." Zu den genauen Umständen der Flucht wurde nichts bekannt.

Warum war der Mann überhaupt im Gefängnis?

Verurteilt wurde der Mann der Staatsanwaltschaft zufolge 1999 wegen Mord und Vergewaltigung. Er soll 1995 in Ludwigshafen eine 46-jährige Frau mit Messerstichen in die Brust getötet haben, weil sie nicht mit ihm schlafen wollte. Die Ermittler tappten zunächst jahrelang im Dunkeln, trotz aufwendiger Fahndung, auch über die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Überführt werden konnte der Mann nach der Vergewaltigung seiner ehemaligen Freundin drei Jahre später. Fingerabdrücke vom Tatort des Mordes stimmten mit seinen überein.

Geht von dem Mann eine Gefahr aus?

Zumindest zum Zeitpunkt der Flucht habe für die Bevölkerung keine "wirklich bemerkenswerte Gefährdung" bestanden, sagt Oberstaatsanwalt Hubert Ströber. Es gebe auch keine konkreten Hinweise, dass der Mann bewaffnet sein könnte. Nähere Angaben wollte er nicht machen, um dem entflohenen Mörder keine Informationen zum Stand der Fahndung zu geben. Seine Mindeststrafe von 15 Jahren hat der Mann bereits abgesessen. Die Entlassung hing von einer positiven Sozialprognose ab. Die wurde zuletzt im Januar erstellt, war aber nicht gut genug für eine Entlassung.

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Warum wurde die Öffentlichkeit so spät informiert?

Ströber sagt, man habe die Ermittlungen im Umfeld des Flüchtigen möglichst unbemerkt und geräuschlos durchführen wollen. Gemeinsam mit der Polizei habe man deshalb beschlossen, auf eine öffentliche Fahndung zu verzichten. Ströber sagt: "Das ist keine Geheimniskrämerei." Den Ausschlag für diese Entscheidung habe auch ein Foto des Mannes gegeben. "Er hat ein Allerweltsgesicht", sagt Ströber. Hätte man das Foto veröffentlicht, wären zahlreich unnütze Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen. Das hätte die Ermittlungen sogar erschwert, so die Argumentation der Staatsanwaltschaft.

Wusste das Justizministerium Bescheid?

JVA-Chef Maldener betont, er habe nach der Flucht umgehend Staatsanwaltschaft, Polizei und das Justizministerium informiert. Ob die Information auch gleich bis zu Justizminister Herbert Mertin (FDP) durchdrang, ist unklar. "Das müssen andere beantworten", sagt Ströber. Aus dem Justizministerium hieß es, derzeit würden die betreffenden Berichte zusammengetragen. Eine Bewertung könne erst danach erfolgen.

Wie wollen die Behörden weiter vorgehen?

Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie nun nicht doch eine öffentliche Fahndung einleitet - schließlich ist der Fall nun ohnehin bekannt. "Wir diskutieren darüber", sagt Ströber. Vielleicht werde schon in den nächsten Tagen das Foto des Mannes veröffentlicht. Ziel aller Maßnahmen sei es, den geflohenen Mörder so schnell wie möglich wieder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Durch die Fahndung ohne Öffentlichkeitsbeteiligung ist das zumindest bis jetzt nicht gelungen.

Gewaltverbrecher auf der Flucht

Quelle: op-online.de

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