Klassisch improvisiert

Max Mutzke beim Rheingau Musik Festival

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Soulstimme: Max Mutzke stand in Wiesbaden mit MIKIs Takeover-Ensemble auf der Bühne.

Wiesbaden - Soul im kammermusikalischen Ausnahmezustand: Musik-Chamäleon Max Mutzke lädt beim Rheingau Musik Festival zu einer Crossover-Session der außergewöhnlichen Art. Von Peter H. Müller

Gemeinsam mit dem formidablen „MIKIs Takeover!“-Ensemble verordnet er altbekannten Hits aus eigener und fremder Feder eine akustische Streichquintett-Kur. Im bestens besuchten Wiesbaden Kurhaus sorgt diese freundliche Übernahme des Pop durch die Klassik für Ovationen. Am Anfang war da eine ziemlich wagemutige Idee des Braunschweiger Komponisten/Arrangeurs/Violinisten Mihalj „Miki“ Kekenj, der im November 2013 in der Philharmonie Essen zu einem ersten musikalischen Fusion-Experiment geladen hatte – gemeinsam mit Mutzke, der bei dieser Premiere den Testlauf für Gast-Vokalisten wie etwa Cassandra Steen oder Max Bosse zu bewerkstelligen hatte. Mittlerweile ist daraus eine ganze Projektreihe geworden, die Kekenj mit dem Label „Takeover!“ überschrieben hat.

Die Ingredienzen: ein fünfköpfiges Streicher-Ensemble (MIKI/Violine, Shinkyung Kim/Violine, Elizabeth Lubnow/Viola, Matthias Werner/Cello, Max Dommers/Kontrabass), intim reduzierte, in Kekenj-Arrangements gegossene Pop-/Soulhits und das Konzept, den Zeitgeist auf eine philharmonische Reise einzuladen. Mutzke, mit großartiger Soul-Stimme gesegnet, kann das – weil er inzwischen auch eine mehr als solide Bühnenpräsenz und reichlich Improvisationstalent hat.

Wobei, generell muss man sagen, dass der 34-Jährige fast schon zum Programm gemacht hat, seinen Stil immer wieder neu zu erfinden, mit Bigbands, Jazz-Helden wie Klaus Doldinger, der holländischen Combo „monoPunk“ oder Größen wie demnächst Thomas Quasthoff aufzuschlagen, und für außergewöhnliche Konzerterlebnisse zu sorgen, auch wenn sein Gestus – stets ein wenig überambitioniert und sehr plakativ – Geschmacksache bleibt.

Nun steht der Hosenträger-Träger mit der unverzichtbaren Helmut-Schön-Gedächtnis-Mütze also auf der Kurhaus-Bühne und erntet bereits nach den Auftaktstücken „Telefon“, „Marie“ und „Weil ich Dich liebe“ frenetischen Jubel – obwohl diese Songs doch so ganz anders, um nicht zu sagen gewöhnungsbedürftig klingen, und Michael Jacksons „Billie Jean“ etwa bis zur Unkenntlichkeit zerlegt, neu interpretiert, umgedeutet werden wird.

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Nichtsdestotrotz: Was auf den ersten Blick nach „Alter Wein in neuen Schläuchen“ klingen mag, ist musikalisch eine einzige Wundertüte und ein Füllhorn an kreativen Miniaturen: Radioheads „Creep“ mit einem brillanten Cello-Solo, Aloe Blaccs herrlich groovender Ohwurm „I Need A Dollar“ oder Marvin Gayes wunderbar reduziertes Soul-Heiligtum „What’s Going On“ – die ungewöhnliche Mixtur gelingt hier wie dort, gerade weil Mutzke auch ohne Schlagzeug, Percussion oder Klavier sein Rhythmusgefühl und perfektes Timing zeigt.

Nebenbei gibt es auch noch ein nettes Quantum an Entertainment, wenn er mit Ensemble-Chef MIKI eine Partie Gag-Pingpong anleiert: Der Spaß spielt mit, und obendrein scheint auch die exklusive Location alle Protagonisten zu beflügeln. Am Ende, nach „Welt hinter Glas“ gibt es dafür Bravo-Rufe und begeisterten Applaus.

Quelle: op-online.de

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