Neues Max-Planck-Institut spürt Ästhetikempfinden nach

Der Geschmack wird vermessen

Frankfurt - Der Trend geht zum musikalischen Allesfresser und wer schlechte Filme mag, ist oft überdurchschnittlich gebildet: Ein neues Max-Planck-Institut erforscht, wem was warum gefällt. Von Sandra Trauner 

Die Direktorin der Abteilung Musik am Max-Planck-Institut, Melanie Wald-Fuhrmann, und der Direktor der Abteilung „Sprache und Literatur“, Professor Winfried Menninghaus, posieren an dem überdimensionalen Schriftzug „SCHÖN“ im Garten des Instituts.

Eine Minikamera filmt die Gänsehaut am Arm, Sensoren an den Fingerkuppen messen den Hautleitwiderstand, eine Pulsuhr am Handgelenk zeichnet die Herzfrequenz auf. Wenn Testpersonen am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik Kunstwerke genießen, ist das nicht nur Genuss. Musikhören, Filme gucken oder Gedichten lauschen geschieht hier im Dienste der Wissenschaft. Das jüngste Max-Planck-Institut (MPI) Hessens wurde 2012 gegründet, aber erst im Herbst 2015 im Frankfurter Westend eingeweiht. Forscher verschiedener Fachbereiche untersuchen hier durch Befragen, Beobachten und Vermessen - also empirisch - ein Thema, an dem regelmäßig Freundschaften zerbrechen und Beziehungen scheitern: Geschmack.

Auf den ersten Blick sieht das „ArtLab“ des Instituts aus wie ein normaler Konzertsaal: Theatersessel, Bühne, Schallschutz. Gut versteckt ist der Raum aber gespickt mit Technik, die die Reaktionen des Publikums aufzeichnen. Es gibt Kameras für Gestik und Mimik, Mikrofone für Applaus oder Raunen. Bei Bedarf werden Tablet-Computer verteilt, auf denen die Zuhörer Fragen beantworten.

Rund 90 Mitarbeiter arbeiten an dem Institut, das in den nächsten Jahren weiter wachsen soll. Erst drei der vier Direktorenposten sind besetzt: eine Musikwissenschaftlerin, ein Literaturwissenschaftler und ein Neurowissenschaftler sind schon da, ein experimenteller Psychologe wird noch gesucht. Wie es typisch ist für Max-Planck-Institute, nähern sich die Wissenschaftler von verschiedenen Seiten einer Frage: Wie wirkt ein Text, ein Musikstück, ein Bild, ein Film auf uns? Ästhetik definieren die MPI-Mitarbeiter als „die Wissenschaft von der Wahrnehmung und Bewertung“.

Im EEG-Labor tragen die Testpersonen eine Haube mit Elektroden auf dem Kopf. Sie messen die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn. Im Raum nebenan verfolgt ein „Eye-Tracker“ die Augenbewegungen eines Studenten, der gerade einen Text liest. Wie lange er auf welches Wort schaut, ist ein Indiz für Aufmerksamkeit, wie Labor-Leiter Cornelius Abel erklärt.

Herzschlag, Atemtiefe, das Hochziehen einer Augenbraue oder das Aufrichten der kleinen Härchen am Arm - messen kann man das sicher, aber welchen Zusammenhang gibt es zwischen Körperreaktionen und unserem ästhetischen Empfinden? Dafür kombinieren die Forscher zwei Arten von Empirie: die objektiven Daten, die der Körper liefert, und die subjektiven Auskünfte der Probanden, die abgefragt werden. Was der Literaturwissenschaftler Professor Winfried Menninghaus und die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann herausfinden, geht weit über „Das finde ich schön“ oder „Das gefällt mir nicht“ hinaus. „Die Geisteswissenschaften stellen ästhetische Theorien auf. Wir überprüfen sie“, sagt Wald-Fuhrmann.

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In einer - noch nicht publizierten - Studie ging es um die Frage, ob sich positive und negative Gefühle beim Kunstgenuss aufheben. Genau das Gegenteil war der Fall: Die Messkurven für die körperlichen Reaktionen bei negativen und bei positiven Affekten hatten ihre Höhepunkte fast immer zur gleichen Zeit. Gemessen wurden Gänsehaut und Stirnrunzeln, während den Testpersonen Gedichte vorgelesen wurden. Der Germanist Menninghaus, der früher beim Suhrkamp Verlag tätig war, zieht daraus den Schluss, „dass Traurigkeit einen starken Beitrag zum Lustempfinden leistet“.

Zu einer verblüffenden Erkenntnis kam ein Mitarbeiter des Instituts, als er das Publikum von Trash-Filmen befragte: Wer schaut sich solchen Mist an, war die Ausgangsfrage. Es waren überdurchschnittlich gebildete Zuschauer, die sich für ein breites Spektrum an Kunst und Medien interessieren. Sie langweilen sich bei Mainstream-Filmen und haben Spaß, Anti-Filme mit ironischer Distanz zu betrachten, die miese Machart zu analysieren, Zitate und Anspielungen zu entdecken.

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Auch andere gängige Thesen werden infrage gestellt: Die Grundlage für unseren Musikgeschmack wird in der Kindheit gelegt und unser Musikgeschmack ist schichtabhängig, soweit die Lehrmeinung. Neuere Studien legen aber nahe, dass der Geschmack heute flexibler ist als früher: Gerade Gebildete hören alles Mögliche, sind immer öfter „musikalische Allesfresser“, wie Wald-Fuhrmann sagt.

Menninghaus untersucht gerade, was Eleganz ist. Seine These: „Effizienz spielt eine große Rolle. ,E=mc2’ ist doch an Eleganz nicht zu überbieten.“ „Elegant“ sei nicht nur ein Begriff, der Konjunktur habe („Es gibt sogar elegante Prozesslösungen“), sagt Menninghaus. Er sei auch „phänomenal präzise“. Im Gegensatz zu Schönheit. (dpa)

Quelle: op-online.de

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