Nostalgischer Pink-Floyd-Zauber

Jaulende Gitarre, starke Stimme: David Gilmour in Wiesbaden

Wiesbaden -  Der große alte Mann, die Gitarren und das ewig hymnische Floydianer-Universum. Wer das ultimative Buch der Rockgeschichte schreiben will, muss den Progressiv-Ikonen von Pink Floyd zweifellos ein sehr langes Kapitel reservieren. Von Peter H. Müller

70-jähriger Marathonmann: Der britische Musiker und Gitarrist der Band Pink Floyd, David Gilmour, rockte drei Stunden lang im Bowling Green am Kurhaus in Wiesbaden. - Foto: Simon Rothschild

Und ganz viele Seiten davon sollten für David Gilmour reserviert sein. Auf dem Wiesbadener Bowling beweist der 70-jährige Haudegen in einem epischen Dreistunden-Konzert noch einmal seine über allen Dingen schwebende, coole Grandezza. Neulich, in der Festhalle, gab es mal eine kauzige Cover-Combo namens „The Australian Pink Floyd Show“ zu bewundern. Deren erstaunliche Karriere hatte durch einen Scherz von Gilmour erst den rechten Kick bekommen: Zu seinem Fünfzigsten lud der Jubilar aus Sussex eben jene Kängurus zur Geburtstagsfete – um anschließend festzustellen: „Die sind besser als wir!“. Mehr britisches Understatement und Entspanntheit mit dem Plagiat geht kaum.

Wer den unkaputtbaren Giganten Gilmour nun zwanzig Jahre später auf Bowling Green erleben darf, mit dieser unnachahmlich auratischen Fender Stratocaster oder seiner entrückt jaulenden Pedal Steel Guitar, diesem einzigartigen Gespür für Verzögerungen, den präzisen Phrasierungen und der noch immer starken Stimme, kann sich sicher sein: Der Marathon-Mann, der gegen 23.15 Uhr, in der beschaulichen Kurstadt eigentlich heilige Schlafenszeit, zur ersten Zugabe „Time“ (1973) noch unvermindert virtuos in die Saiten greift und die Videouhren kreiseln lässt, ist ein Unikat.

Und es sind genau diese Momente, die den feinen Unterschied zwischen „gut“, „sehr gut“ und eben „originär“ ausmachen. Natürlich, dieser Open-Air-Gig, der vor 12 500 begeisterten Fans und zahllosen Zaungästen mit Gilmours Soloalbum „Rattle that Lock“ („5 a.m.“, dazu der Titelsong und die dunkle Rätselballade „Faces of Stone“) eröffnet, ist auch ein hoffnungslos sentimentales Fest. Was bleibt einem als unverbesserlicher Floyd-Jünger auch anderes übrig – den Griff ins Vinyl-Archiv mal ausgenommen?

Eine Reunion der ollen Dauer-Streithähne Roger Waters/David Gilmour wird es sicher nicht mehr geben. Und Ex-Kreativkopf Syd Barrett, den Gilmour 1968 an der Gitarre ablöste um ihn nun „Shine On You Crazy Diamond“ zu widmen, war schon früh im Drogen-Wahn. Er starb 2006, dann verlor Ur-Floyd Richard Wright 2008 auch noch den Kampf gegen den Krebs. Gilmour weiß um die Sehnsucht der mit ihm grau gewordenen Fan-Gemeinde, aber auch der spätgeborenen Neo-Floydianer. Während seiner zwei Sets spielt er ein gutes Dutzend Stücke aus dem riesigen Pink-Fundus – natürlich vor der legendären Videoscheibe, die auch für opulentes Lichttheater sorgt.

„What Do You Want From Me“, „The Great Gig In The Sky“, das mit Akustikklampfe ein wenig unwillig abgehakte „Wish You Were Here“ oder das energetische, mit surrealen Original-Clips hinterlegte Siebenvierteltakt-Phänomen „Money“ – Gilmour inszeniert mit Backvocal-Chor und Band um Drummer Steve DiStanislao, Saxophonist Joao Mello oder Bass-Veteran Guy Pratt ein besonderes Pink-Floyd-Feeling. Das wächst in der zweiten Hälfte mit „One Of These Days“, einem der bombastischsten Instrumental-Stücke der Rockgeschichte.

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Über allem: Gilmours unaufgeregte Brillanz, die jedes Thema, jedes Stück auf eine andere, edlere, vielleicht sogar der schnöden Welt entrückte Ebene hievt. Dieser Sound verströmt einfach einen ganz eigenen, unpeinlich nostalgischen Zauber. Immer noch. Auch dann, wenn zwischendurch – Gilmours Solo-Alben wollen auch platziert sein – schleppender Barjazz („The Girl In The Yellow Dress“) auf grandios stampfenden Bluesrock („Today“) prallt. Eine Konzert-Sternstunde wie diese hält das aus.

Quelle: op-online.de

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