NSU-Untersuchungsausschuss

Verfassungsschutz wollte Temme trotz Ermittlungen weiterbeschäftigen

+
Die Frau des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas Temme sitzt in Wiesbaden als Zeugin im NSU-Untersuchungsausschuss.

Wiesbaden - Nach dem Mord an dem Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat in Kassel wollten hessische Verfassungsschützer einen tatverdächtigen Kollegen im Amt halten. Er habe dem vom Dienst suspendierten Andreas Temme die dafür notwendige "Sicherheitsermächtigung" wieder erteilen wollen, sagte der Ex-Geheimdienstbeauftragte des Landesamts, Gerald Hess, am Montag im NSU-Untersuchungsausschuss.

Amtsleiter Lutz Irrgang habe jedoch anders entschieden. "Wir waren etwas voreilig", räumte der 71-jährige Hess zum Vorgehen seiner Abteilung ein. Ansonsten hatte er als Zeuge auf Fragen der Abgeordneten viele Erinnerungslücken. In Kassel war im April 2006 der deutsch-türkische Ladenbesitzer erschossen worden. Zur Tatzeit oder kurz davor war der Verfassungsschützer Andreas Temme im Café. Er chattete dort nach eigenen Angaben privat in einem Flirt-Onlineportal. Bei der Polizei meldete er sich erst zwei Wochen später.

Gegen ihn wurde dann monatelang wegen Tatbeteiligung ermittelt. Wegen verschiedener Dienstvergehen - so hatte er unerlaubt eine Waffe im Büro - wurde auch disziplinarisch gegen ihn vorgegangen. Erst 2011 wurde bekannt, dass der Mord auf das Konto der rechtsterroristischen NSU ging. Die Landtags-Opposition glaubt aber, dass ohne die Pannen und Vertuschungen bei den Ermittlungen der rechtsextremistische Hintergrund der Tat schon früher erkennbar geworden wäre. Spekuliert wird über Unterstützung für die NSU aus der Kasseler Neonazi-Szene. Anfang Juli 2006 habe festgestanden, dass die Ermittlungen der Polizei gegen den suspendierten Temme "im Sand" verliefen, sagte Hess zu der von ihm erwogenen Fortbeschäftigung. Der Mitarbeiter habe auch seine Fehler eingesehen. Dass das mit Temme am 12. Juli geplante Treffen in Wiesbaden dann aber abgesagt wurde, begründete Hess mit der ablehnenden Entscheidung des Amtschefs.

Alles zum NSU-Untersuchungsausschuss auf unserer Themenseite

Wenige Tage zuvor - genau vier Monate nach dem Mord - hatte es eine Presseanfrage bei der Kasseler Staatsanwaltschaft zum bis dahin nicht öffentlich bekannten Tatverdacht gegen Temme gegeben. Bevor am 14. Juli erstmals dann die "Bild"-Zeitung darüber berichtete, gab es auch eine Krisensitzung zu dem Fall mit den Behörden im Innenministerium. "Der Verfassungsschutz wollte Temme halten", folgerte der Obmann der Linken im Ausschuss, Hermann Schaus, angesichts dieser Zeitfolge aus den Aussagen von Hess. Erst als der Fall an die Öffentlichkeit gelangt sei, haben man dann den Rückzug angetreten. Temmes Ehefrau nahm am Montag als Zeugin vor dem Ausschuss ihren Mann in Schutz. Sie glaube ihm bis heute, dass er von den Schüssen im Internet-Café nichts mitbekommen habe, sagte die 44-Jährige.

NSU-Ausschuss: Bilder zum Skandal

Ihr Mann habe ihr kurz nach der Tat bei einem zufälligen Gespräch davon erzählt, dass er das Café dienstlich kenne. Nach seiner vorübergehenden Festnahme am 22. April habe er ihr gesagt, dass er dort wochenlang mit einer Frau online geflirtet habe. Die Ermittlungen seien damals für sie sehr belastend gewesen, sagte Temmes damals hochschwangere Frau. Ihr sei auch von Anfang an auch klar gewesen, dass die Polizei ihre Telefongespräche abgehört habe. Temme hat stets beteuert, er sei zufällig am Tatort gewesen und habe vom Mord nichts mitbekommen. Die von ihm geführten V-Leute durften 2006 nicht von der Polizei persönlich vernommen werden. Der Ausschuss untersucht auch, ob der vom früheren Innenminister Volker Bouffier (CDU) verfügte Sperrvermerk die Ermittlungen damals behindert hat. Temme führte neben islamistischen Quellen auch einen rechtsextremen V-Mann. Später wurde er ins Regierungspräsidium Kassel versetzt.

Eine frühere Kasseler Kollegin sagte dem Ausschuss, dass im Außenamt für Verfassungsschutz damals alle überzeugt gewesen, dass Temme vom Mord im Café etwas mitbekommen haben musste. Er sei aber vermutlich in "Panik" geraten - entweder wegen seiner noch jungen Ehe oder weil die Benutzung dieses Cafés für Mitarbeiter des Amtes verboten war. Das Außenamt hatte 2006 noch keinen Internet-Anschluss. Die Kollegin beschrieb Temme als ehrgeizig und sehr engagiert. dpa

Quelle: op-online.de

Kommentare