OP-Reporter Ronny Paul

So erlebte ein Anwohner den Chaos-Tag im Ostend

+
Dieser Polizeiwagen brannte bei den Protesten vollkommen aus

Frankfurt - Unser Redakteur Ronny Paul wohnt direkt neben der EZB - wie er den Tag der Tage im Frankfurter Ostend erlebte, schildert er hier. Von Ronny Paul

Immer wieder fällt der Blick aus dem Fenster, auf die entfernten Häuserfronten der Sonnemannstraße. Irgendwann werden sie von dort kommen: Die ungeladenen Einweihungsgäste meines neuen Nachbarn.

Die Europäische Zentralbank, in Wurfweite meines Balkons, bittet zur Einweihungsparty. Zehntausende haben sich angesagt, ohne eine Einladung bekommen zu haben.

Schon seit Tagen ist das Frankfurter Ostend Sperrgebiet. Ausnahmezustand. Wie an einer Grenze oder in einem Kriegsgebiet. Hubschrauber kreisen unentwegt in der Luft. Unzählige bewaffnete Polizisten patrouillieren vor den Bürotürmen und in der ganzen Stadt. Bereit, gewaltbereite Kapitalismuskritiker von den Türmen meines Nachbarn fernzuhalten. Wenn ich aus dem Haus gehe, muss ich mich ausweisen. Absperrgitter, gesäumt von Nato-Draht blockieren direkt vor meiner Haustür den Weg zum Eingangstor der EZB. Davor zeigt eine Art Sechzehnmeterraum: Bis hierhin und nicht weiter!

Lesen Sie dazu auch: Ausnahmezustand in Frankfurt: Das war der Tag

Die Abgrenzung - der erhoffte Deeskalationsbereich. Dahinter warten sich die Polizisten seit Tagen und Nächten die Beine in den Bauch - weil niemand so genau weiß, was wann wo passieren wird. Wir Anwohner müssen uns mit der Situation ganz einfach abfinden. Mit den seit sechs Tagen gestrichenen Parkplätzen rund um die Häuser haben wir uns übrigens auch arrangiert. Auch damit, dass es ganz schön schwierig ist, eigene Gäste in Empfang zu nehmen. Aber das Problem haben andere Anwohner ja auch. Der von gegenüber beispielsweise bleibt kurzerhand mit seiner Familie zuhause, verschanzt sich vor dem, was kommen könnte. Bei der Tochter bleibt sogar vorsorglich die Schule geschlossen.

Der neue Nachbar stößt durchaus auf Wohlwollen

Es ist aber keineswegs so, dass wir den neuen Nachbarn nicht mögen würden. Schließlich haben die Bürotürme unser Viertel in den vergangenen Jahren erheblich aufgewertet. Überall sprießen neue Häuser und Geschäfte aus dem Boden. Das Ostend wurde erheblich aufpoliert. Die Tage des Problemviertels sind vorbei. Die Mietpreise belegen das in Zahlen. Mein Balkon mit bestem Blick auf die Bürotürme ist in diesem Tagen zum begehrtesten der ganzen Stadt geworden. Nachrichtenagenturen klingeln und würden sich gerne gute Plätze sichern. Auch ausländische Medien hätten gerne einen Logenplatz. Das macht die Anspannung nicht kleiner.

Doch es kommt anders als gedacht. Nicht vor der EZB wird gekämpft, sondern in der ganzen Stadt. Schon früh morgens brennen Polizeiautos, fliegen Pflastersteine, und Pfefferspray liegt in der Luft. Die Demonstranten spielen Katz’ und Maus’ mit der Polizei. Beide Seiten fühlen sich von der anderen bedroht. Polizeiautos stehen in Flammen, Steine werden auf die Beamten geworfen, heißt es. Es gibt Verletzte. Die Demonstranten wiederum beklagen grundloses Einkesseln und Festhalten. Viele sind pitschnass und haben knallrote Gesichter - Spuren von Wasserwerfern und Pfefferspray. Wasser auf die Mühlen der Gastwirtin unter uns. Seit Tagen plagen sie schlaflose Nächte. Angst, dass die Gewaltbereiten ihre neu renovierte Gaststätte demolieren könnten. Die Meldungen am frühen Morgen dürften sie vollends in Panik versetzt haben:

Ein Gefühl der Ungewissheit

Bilder und Videos von brennenden Autos, Mülltonnen, Holz oder Toilettenhäuschen laufen über die Medien. Und immer wieder fällt der Blick auf die Häuserfronten am Ende der Straße. Ein Gefühl der Anspannung, dass ein Surfer am Strand erfährt, wenn er auf die eine große Welle am Horizont wartet. Oder ein Soldat, der nervös das Erscheinen der gegnerischen Armee erwartet. Ungewissheit.

Doch unmittelbar vor meinem Haus bleibt es still. Die Gäste meines Nachbarn erscheinen - von den Demonstranten unbemerkt - auf der Party. Die Feier im kleinen Kreis verläuft reibungslos. Auch im Haus entspannt sich die Situation allmählich. Der große Ansturm, der sich bedrohlich aus der Ferne nähern würde, bleibt aus. Die Anspannung fällt immer mehr. Auch die Polizisten vor der Tür werden im Laufe des Tages gelassener. Und auf dem Römerberg demonstrieren Zehntausende aus ganz Europa friedlich miteinander bei schönem Frühlingswetter. Beim Blick aus dem Fenster spiegelt sich die Abendsonne in den entfernten Häuserfronten der Sonnemannstraße.

Eröffnung der EZB – Ausschreitungen in Frankfurt

Quelle: op-online.de

Kommentare