Gefährliche Liebschaften

Operette „Anna Toll“ von der Oper Frankfurt uraufgeführt

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Es wird gekuschelt, was das Zeug hält: In „Anna Toll“ spielen Ludwig Mittelhammer (Carlo) und Elizabeth Reiter (Anna Toll).

Frankfurt - Jugendstil war angesagt. Bei Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ und vor allem bei „Anna Toll – oder die Liebe der Treue“, eine Operette, die der Frankfurter Regieassistent Hans Walter Richter im Bockenheimer Depot aus der Taufe hob. Die Mitglieder des Opernstudios und des -ensembles sorgten auf langer Bühnenstrecke für Kurzweil. Von Klaus Ackermann

Die zweite Wiener Schule wird beim diesjährigen von der Aventis Foundation unterstützten „Oper Finale“ stark nachgefragt. Ihr herausragender Exponent ist Arnold Schönberg, dessen „Pierrot Lunaire“ mit seinen 21 Melodramen richtungweisend für die Musik des 20. Jahrhunderts wurde. Sie basieren auf den 21 Poems des belgischen Jugendstil-Dichters Albert Giraud, verzückt und besessen vom nächtlichen Mond, auch Synonym für schlimmes Liebesleid. Regieassistentin Dorothea Kirschbaum versetzt in ein kühles Bar-Ambiente, wo der seltsame Dichterling Pierrot ergriffen den Mond-Songs der Jazzsängerin lauscht. „Moon River“ oder „Blue Moon“ singt Laura Aikin höchst professionell, lässt sie übergangslos in Schönbergs Melodramen münden. Der Komponist hat sie für fünf Solisten (des Opern- und Museumsorchesters, Leitung: Nikolai Petersen) samt Klavier geschrieben, die in wechselnder Besetzung klanglich in die Psyche des „jungen Manns“ (David Laera) eindringen. Freie Liedformen wechseln da mit einem Chopin-Walzer oder einer Barcarole. Dies alles konsequent, aber kaum merklich atonal.

Obsessiv: Laura Aikin in „Pierrot Lunaire“

Es sind beklemmende Bilder vom Vorhof der Hölle, mit denen die wie eine Dompteurin anmutende Diseuse per packendem Sprechgesang den jungen Dichter drangsaliert. Und bei steigender Obsession wachsen selbst die Stehtische und Stühle des Etablissements in die Höhe, von zwielichtigen Gestalten bestiegen (Ausstattung Bernhard Niechotz). 21 Akte seelischer Vivisektion, der auch das letzte Gedicht, „den alten Duft aus Märchenzeit“ beschwörend, nichts an szenischer Spannung nimmt. Solche Härten verlangen nach Leichtkost. Um verhängnisvolle Affären und tolldreiste Bettgeschichten geht es in Langemanns „Anna Toll“. Arthur Schnitzlers unterzieht darin den wehleidigen Erotomanen Anatol einer Geschlechtsumwandlung. Da wird im runden Schlafsaal von Anbeginn gekuschelt, was das Zeug hält. Die Frauen sind erklärtermaßen oberflächlich, die Männer nur Lückenfüller und selbst unter Hypnose noch zum Lügen fähig.

Komponist und Trojahn-Schüler Michael Langemann, der Tonalität weitgehend verpflichtet, hat dazu eine Musik geschrieben, die sich aus mannigfaltigen Quellen speist. Verdi, Wagner, Bernstein oder Richard Strauss ironisch zitierend, ist sie selbst murmelnd noch klanglich sehr beredt, von Petersen und dem Opern- und Museumsorchester auch swingend rhythmisiert. Die in Wort und gutem Ton kapriziösen wie ausgesprochen liebesbedürftigen Damen Elizabeth Reiter, Nora Friedrichs und Nina Tarandek machen selbst den durchtriebenen TV-„Vorstadtweibern“ Konkurrenz. Während die ebenso gut bei Stimme wirkenden Mannsbilder Ludwig Mittelhammer, Simon Bode, Magnus Baldvinsson (der schwer an seinem Geweih trägt) und Dominic Betz zwischenzeitlich gar den Selbstmord proben.

Doch trotz aller Turnerei auf und unter der Decke, trotz schneller Fahrt der Drehbühne und entlarvender Balletteinlagen (David Laera) kann Regisseur Richter auch Längen bei diesem modernen Operetten-Trip nicht verhindern. Das Glück der Tüchtigen scheint manchmal trügerisch.

Weitere Aufführungen von „Pierrot lunaire“ und „Anna Toll oder die Liebe der Treue“ am 10., 11., 14., 16. und 17. Juli.

Quelle: op-online.de

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