Puhdys, Karat und City in der Jahrhunderthalle

Ostalgie am Todestag von Margot Honecker

+
Dieter Birr und Claudius Dreilich sorgten mit dem Retro-Art-Rock von Karat für ergriffene Stimmung im Saal.

Frankfurt -  Mehr Ostalgie war nie in Frankfurt. Das scheinbar unkaputtbare Ex-DDR-Dreigestirn Karat, City, Puhdys firmiert seit zwei Jahren unter dem beliebten Projekt-Titel „Rock Legenden“, um von Triumph zu Triumph zu touren. Von Peter H. Müller 

Auch beim Gemeinschaftskonzert in der ausverkauften Jahrhunderthalle sorgt das nicht mehr ganz taufrische Musikanten-Kombinat für „Sternenstunden“ und andere Mauerfälle. Der geneigte Statistikfreund kommt an diesem Jubel-Abend sicher ein wenig ins Schlingern. Nicht nur beim Addieren der Lebensalter, die sich da auf der Bühne tummeln. Nein, vor allem wird es in den nächsten 150 Minuten, in denen drei Ostrock-Institutionen die uneingeschränkte Solidarität beschwören, munter drunter und drüber gehen in Sachen Besetzungswechsel, kollektivem Wir-Gefühl und fröhlichem jeder darf mit jedem – alle mit allen sowieso.

Gleich zum „Sternenstunden“-Opener ist es also ziemlich eng auf der Rampe. 14 dezent grau melierte Herren, die verlässlichen Hochrechnungen zufolge rund 950 Jahre Rockgeschichte auf die Bretter bringen, werden noch im Sitzen gefeiert. Wenig später hält es die aus der halben Republik angereisten Fans ohnehin nicht mehr Stuhl. Trotz eines herben Wermutstropfens: Toni Krahl (66) charismatischer Frontmann und seit 1975 die Stimme von City, liegt mit Lungenentzündung danieder – bei veritablen Deutschrock-Klassikern wie „Amerika“ oder „Am Fenster“ müssen also andere ran.

Aber da sind wir schon in der Mitte eines Nostalgie-Hochamtes, das fast erwartungsgemäß zu einem Fest der Erinnerungen und großen Emotionen gerät. Karat mit Sänger-Youngster Claudius Dreilich, der seit 2004 seinen an Krebs verstorbenen Vater am Mikro ersetzt, haben zuvor in einer knappen Stunde mit mythisch verbrämten Texten und, nennen wir es mal Retro-Art-Rock der Marke „Der Blaue Planet“, „Schwanenkönig“ oder „Blumen aus Eis“, die Gefühls-Klaviatur angestimmt. Bei der Neun-Minutenhymne „Albatros“ und, natürlich, beim unvermeidlichen „Über sieben Brücken“ ist dann der gesamte Saal hin und weg.

Danach City, verstärkt durch Puhdys-Urgestein Dieter „Maschine“ Birr und Überraschungsgast Dirk Michaelis, der mit seinem A-cappella-Solo („Wie ein Fischlein unterm Eis“) eher peinlich berührt, aber immerhin anschließend, im XL-„Am Fenster“-Chor eine durchaus gute Figur abgibt. Höhepunkte gibt es gleich eine ganze Reihe zu bestaunen: City-Kreativkopf Georgi Gogow an der E-Violine zu erleben, ist immer noch ein Erlebnis – der Mann zupft und fidelt, dass es einem direkt unter die Haut geht. Sein Pendant an der Mundharmonika: Karat-Keyboarder Martin Becker – einfach großartig.

Womit wir auch schon bei den Puhdys wären, den vielleicht wackersten Helden des Ostrocks, die zu „Kühle Lady“ eine gefühlt fünf Meter lange Gummipuppe mit Stinkefinger über die Bühne schicken. Die Veteranen um „Maschine“ Birr (71) und den 75-jährigen Peter „Eingehängt“ Meyer (Keyboard) bringen mit Hit-Evergreens wie „Wenn ein Mensch lebt“, „Alt wie ein Baum“ oder „Hey, wir woll’n die Eisbärn seh’n“ den Saal zum Toben – bevor die „Sternenstunden“-Reprise die rockende Zeitreise beendet. Kein Zweifel, mehr Ostalgie als an Margot Honeckers Todestag war nie in Frankfurt.

Quelle: op-online.de

Kommentare