Ikone auf der Bühne im Palmengartenn

Patti Smith: Entzückend unperfekt

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Gnadenlos uneitel: Die Punk-Ikone zeigte sich beim ersten von zwei Deutschlandkonzerten einmal mehr als kämpferische Schamanin.

Frankfurt - Sogar den Schwänen im Frankfurter Palmengarten widmete sie einen ihrer Songs: Die US-amerikanische Musikerin Patti Smith lud zu einem – natürlich ausverkauften – Abend mit Worten und Musik. Von Peter H. Müller

Die Hausheilige des New Yorker Punk ist wieder mal da, mit Sohnemann, Lesebrille, gereckter Faust und weit ausgebreiteten Armen. Ein bisschen Messe und Erinnerungen an die Großen, die sie überlebt hat, müssen schließlich auch sein. Überhaupt widmet Patti Smith an diesem entzückend unperfekten „Abend der Worte & Musik“ jeden Song irgendwann irgendwem. Selbst ihr Wiener Schnitzel („Summer Cannibals“) geht nicht leer aus. Die Fans im Palmengarten danken mit Ovationen. Sie kommt, ganz ungewöhnlich, zu spät – eine ausgedehnte Lustwandel-Tour im Park sei dafür verantwortlich. Und natürlich die anwesenden Schwäne, ihre Lieblingsvögel. Was nett korrespondiert mit dem Eröffnungs-Stück „Wing“ (1996), das sie kurzerhand auch fürs Federvieh singt. Gute 90 Minuten später wird Patti Smith dann zum Finale noch einmal die wohl berühmteste erste Textstelle einer ersten Seite eines ersten Albums bemühen, sich mit „Gloria“ in Ekstase schreien und das Publikum in Begeisterung versetzen.

„Jesus died for somebodys sins / but not mine!“ – man kann sich bestens vorstellen, welche Energie diese zum Schlachtruf gewordene Zeile damals, 1975, entfesselte. Dabei war „Gloria“ (vom legendären „Horses“-Album) formal „nur“ ein gut abgehangener rauer Rhythm’n’Blues, den Van Morrison in den 1960-ern für seine Combo Them geschrieben hatte. Aber Patti hat ihn eben zu ihrem Song gemacht, flammend umgedeutet und damit für einen der Urknallmomente der Rockmusik gesorgt. Tut sie immer noch. Nur, wie macht diese gnadenlos uneitle Frau das? Die intellektuelle Dimension ihrer Texte, die wild-herbe Leidenschaft in deren Vertonung allein können es nicht sein. Smith wird Ende des Jahres 70, das graue Haar hängt wie stets strähnig im Gesicht, ihre psychedelischen Rasereien sind moderater geworden – und, so könnte man meinen, alle wichtigen Botschaften spätestens mit dem zweiten Teil ihrer Biografie „M Train“ auserzählt. Nix da, der Mythos lebt! Und mit ihm die kämpferische Schamanin, die alle bewegt.

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In Frankfurt, beim ersten von nur zwei Deutschland-Auftritten, hat sie ein eher intimes Ensemble (Tony Shanahan/Piano & Bass, Seb Rochford/Perkussions und Sohn Jackson Smith/E-Gitarre) am Start, zudem war eigentlich Lyrisches angekündigt. Aber: Sie greift nur ein einziges Mal zur Lesebrille – für die etwas andere, musikalische Dichterlesung „Birdland“, die sich zu einem beschwörend verzweifelten Kraftakt auswächst, den sie mit Ganzkörper-Beben ins Mikro kreischt. Patti bleibt eben Patti.Dazu gehören auch die Toten, die ihr in diesem zuweilen grausamen Leben weggestorben sind: ihr Mann Fred „Sonic“ etwa, dem sie „Because The Night“ als hemmungsloses Liebeslied nachträgt, Greatful-Dead-Frontmann Jerry Garcia, dem sie mit „Greatful“ im wahrsten Wortsinn ein Kerbe in die Akustikgitarre brennt. Oder Prince, der mit einer verhangen melancholischen Version von „When Doves Cry“ verabschiedet wird. Schließlich Allen Ginsberg, Freund, Mentor und exzentrischer Dichter der Beat-Generation, den sie mit dem Romantiker und Idol William Blake („My Blakean Year“) ehrt.

Wahrscheinlich könnte Patti Smith dieses große Requiem noch problemlos dehnen, wäre da neben dem unerschütterlichen Spaß an der Musik nicht auch die ähnlich heilige Freude am Leben, um nicht zu sagen Trotzdem-Weiterleben. Das zelebriert sie in jeder Minute. Und vielleicht wird sie am Ende des Tages genau dafür am meisten gefeiert. Gut so.

Quelle: op-online.de

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