Der auf den Tasten tanzt

Pianist Daniil Trifonov überzeugt in der Alten Oper

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Daniil Trifonov, hier auf einem Bild in Manhattan, gab sich in der Frankfurter Alten Oper die Ehre.

Frankfurt - Ovationen gab es für den Senkrechtstarter Daniil Trifoniv beim Klavierabend in der Alter Oper. Von Klaus Ackermann

Wenn er locker vom Klavierhocker abhebt, um den Druck auf die Tasten noch zu verstärken, muss man um den edlen Konzertflügel fürchten. Daniil Trifonov, Shooting-Star aus dem russischen Nischni Nowgorod, hielt in der Alten Oper Hof. Und überzeugte mit wahnwitziger Technik und Leidenschaft in einem Mammutprogramm der Schumann, Schostakowitsch und Strawinsky, das final selbst die Zuhörer völlig ausgepowert entließ. Gerade mal 25 Jahre jung, hat der russische Tastenzar auch schon international auf sich aufmerksam gemacht. Mit seinem unbedingten Gestaltungswillen und einer Emotionalität, die den Charakter von Robert Schumanns beschaulichen „Kinderszenen“ noch schärft. Kindliches Staunen über „Fremde Länder und Menschen“ teilt sich da ebenso unmittelbar mit wie die angenehmen Empfindungen bei „Glückes genug“, die Trifonov mit einem seligen Lächeln am Klavier quittiert, den mild romantisierenden Klängen lange nachsinnend.

Etüdenhaft hart dagegen der „Hasche-Mann“ und jener „Ritter vom Steckenpferd“, der offenbar auf einer Rennbahn die Pace macht. Mucksmäuschenstill ist es im ausverkauften Saal bei der berühmten „Träumerei“, auch für den gestandenen Virtuosen eine Herzensangelegenheit, ein ergreifender Gesang, in großer Ruhe und mit Bedacht angestimmt. Starker Kontrast ist hier die „Toccata C-Dur“ von Schumann, ein Virtuosenstück par excellence, das der äußerst kraftvoll zur Sache gehende Trifonov in die Nähe der Toccaten von Prokofjew und Chatschaturjan rückt.

Ebenfalls hart zur Sache geht es dann in Schumanns „Kreisleriana“, das aufregende Innenleben von E.T.A Hoffmanns Kapellmeister Johannes Kreisler, Inbegriff des romantischen Künstlers, den die Welt nicht versteht, in heftigen klanglichen Wechselbädern nach außen kehrend. Jähe Stimmungswechsel, vom liebevollem Lied bar jedweder Süße zum exzentrischen Ausbruch, kennzeichnen seine angegriffene Psyche.

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Trifonovs Anschlagskunst gestattet hier zwischen bedeutungsschwangeren Akkorden und lebhaftem Leggiero-Geisterspuk ein ungemein vielfältiges Farbspektrum am Klavier. Selbst das Pedal, eher dem massiven Klangrausch zuträglich, wirkt pianissimo wie ein dezenter Farbverstärker. Und beim tänzerisch-obsessiven Finale scheint der Kapellmeister Kreisler endgültig am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Dass er mit dem barocken J.S. Bach auf Du und Du war, dokumentiert Dmitri Schostakowitsch in 24 Präludien und Fugen, von denen Trifonov vier spielt. Mit Klarsicht auf den Verlauf der Stimmen, zuweilen regelrecht gestanzt. Und bei Betonung der klanglichen Ausreißer, mit denen der Neutöner die strenge barocke Form fortgedacht hat – in romantisierenden Präludien und Fugen im grellen Plakatformat. Trifonovs bewusste Steigerung der klavieristischen Mittel mündet zielstrebig in jene drei Sätze aus dem Ballettmärchen „Petruschka“, die der Russe Strawinsky dem Pianisten Artur Rubinstein gewidmet hatte. Bei hoher Trefferquote eines kaum schwächelnden technischen Haudraufs, der wie zum sportlichen Auslauf auch noch Liszts „Il Souspiro“ und eine „Campanella“ nachsendet.

Quelle: op-online.de

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