Konzert in der Jahrhunderthalle

„Pur“ in Frankfurt: Auf der Lindenstraße des Pop

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Mainstream kommt an: Pur rockte die Frankfurter Jahrhunderthalle.

Frankfurt - Liebeserklärungen an Mama Anni, verbale Weltumarmungen, alte Ohrwürmer und neue Töne aus Abenteuerland. Häuptling Hartmut Engler und seine Pur-Indianer verwandeln die ausverkaufte Jahrhunderthalle in eine weiträumig freudentrunkene Lindenstraße des Deutsch-Pop. Von Peter H. Müller

Aber Achtung! Mit dem ersten politisch grundierten Album schleichen sich nun „wirklich ernste Botschaften“ ins Repertoire. Sind Pur jetzt auch noch „cool“? Man muss es fast befürchten. „Es ist doch ganz einfach: Wir stehen hier oben und singen, ihr hört uns zu, habt Spaß - und am Ende gehen wir alle als Freunde“. Hartmut Engler fasst das Ganze gleich zu Beginn in eine schön schlichte Formel. Um nicht zu sagen: Er bringt als Anmoderation zum Song, der natürlich „Freunde“ titelt, auf den Punkt, was man seit 40 Jahren als „Philosophie“ der megaerfolgreichen Schwaben-Combo bezeichnen könnte. Pur, das ist aber auch eine ewige Glaubensfrage: Man verehrt sie mitsamt ihrer romantisch verbrämten „Liebe, Glück, Hoffnung, Harmonie“-Songs, oder kriegt eben das Grausen bei „Funkelperlenaugen“, „Lena“ und dieser altruistischen Dauer-Attitüde. Als „neutraler“ Beobachter hat man’s da bei einem Familienfest wie in Frankfurt nicht ganz leicht, zumal die kollektive Begeisterung im Saal über mehr als zweieinhalb Stunden erklecklich anschwillt. Trotz Mainstream-Tralala und allzu populärer Gutmenschen-Statements.

Andererseits: Eine Band, die alle gängigen Preise abgeräumt und so enthusiastische Fans hat, muss Vieles richtig machen. Nach einer aus allen Nähten platzenden Tour 2015 haben Engler, Zweitstimme Cherry Gehring (Keyboard), Komponist Ingo Reidl (Piano) und Co. nun noch mal 23 Konzerte nachgeschoben - vorwiegend in kleineren Hallen, wo es sich noch intimer menscheln lässt - Generationen-übergreifend, versteht sich.

Das funktioniert schon mit den ersten politisch überkorrekten Nummern („Wer hält die Welt“, „Achtung“) bestens und steigert sich zum Ende des regulären Sets („Guter Stern“, „Abenteuerland“, „Ich lieb’ dich“) ins Euphorische. Dazwischen geht’s durch einen bunten Themenpark, der auf den ersten Blick nur schwerlich auf eine einzige Bühne zu stellen ist: Englers Trümmerfrauen-Opus („Anni“ & „Wenn sie diesen Tango hört“), mit dem er die 91-jährige Mama ehrt, eine versuchte Hitler-Parodie (beim „aktuellen“ Oldie „Bis der Wind sich dreht“) mit Ledermantel, Armee-Mütze und Gummiknüppel, gefolgt von einer „Indianer“-Klamotte mit Federbusch und Powwow-Geheul - das muss man erst mal zusammenkriegen.

Pur gewinnt einen Echo:

Aber Pur scheinen das mühelos, mit rotziger Konsequenz zu bewerkstelligen: die betont politisch-motivierten Texte des aktuellen Albums, das Respekt gegen Andersdenkende und Toleranz gegen Fremde einfordert, Englers persönliche Vergangenheits-Aufarbeitung („Vermiss Dich“), ein bisschen Lebenshilfe hier, heile Welt dort - Pur kitten das alles zusammen zu einer großen Konsens-Lyrik. Vielleicht sind die Mannen aus dem beschaulichen Bietigheim-Bissingen einfach das musizierende Deutschland der Mitte: eine routinierte Durchschnitts-Band, die dem Durchschnitts-Fan aus der Seele singt - bescheiden, ohne Allüren, nahbar. Das kommt an. Selbst dann, wenn Engler Lennons „Imagine“ auf eben jenes Mittelmaß runterballadiert. Egal. Am Ende schüttelt Häuptling Hartmut Fan-Hände, es gibt zwei Zugabenblöcke und strahlende Gesichter. Was will man da noch mosern?

Quelle: op-online.de

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