Kann man mögen, muss man aber nicht

Schiller in der Festhalle: Elektronische Einschlafhilfe

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Licht, Glanz und dahinter ein bisschen gepflegte Wiederholung: Schiller legte in der Frankfurter Festhalle auf.

Frankfurt - Schöner Dösen mit dem Elektro-Philosophen. Oder: Warum die Zukunft zuweilen altbacken klingt, egal wie nett sie beleuchtet wird. Schiller bietet seiner „Future“-Tour in der Frankfurter Festhalle Kino für die Ohren, aber nichts Neues für den Kopf. Von Peter H. Müller

Für „Future“ lebte Christopher von Deylen alias „Schiller“ sogar am Rand der Wüste, um seinen kreativen Geist zu rekultivieren. Eher vergebens – der Surround-Sound von morgen klingt allzu oft wie der von gestern. Auf seiner euphorisch beworbenen „Live 2016“-Tour stellt er sein aktuelles Werk in der Festhalle vor. Nichtsdestotrotz, eines muss man dem Klang-Guru zugutehalten: Für dieses neue Studioalbum, die erste „reguläre“ Global-Pop-Scheibe seit dem 2012-er Mega-Seller „Sonne“ (die Klassik-Ausflüge „Opus“ und „Symphonia“ mal ausgeklammert), hat er keinen Stein auf dem anderen gelassen. Und sich selbst aus der Komfortzone verbannt.

Frei nach dem Motto „Ich bin dann mal weg“ hatte er vor drei Jahren zuerst seinen Besitz bis auf zwei Kleider-Koffer abgegeben und dann noch Berlin gen Kalifornien verlassen, um am großen Mojave-Sand zu zelten. Ein eigenwilliger Kreativurlaub, der die archaische Kraft der Natur tanken und die bewährte Schiller-Formel mit neuer Inspiration füllen sollte. Zeuge davon ist etwa ein Text von Hollywood-Star Sharon Stone, der in „For You“ (letzter Song des Frankfurt-Gigs) verarbeitet wurde.

Und „Future“ sollte denn auch der adäquate Titel sein für das „innovative Meisterstück aus traumhaften Melodien und kunstvollen Arrangements“, das den geneigten Zuhörer samt Sinne mitnimmt auf eine große emotionale Reise. So weit der Werbetext. Nun steht das Ambient-Musikprojekt des 45-jährigen Perfektionisten auf der Bühne und folgt dem bekannten Muster: Der Surround-Sound ist in der Tat großartig und glasklar, die Show kühl bis introvertiert, aber eben grandios beleuchtet von Licht-Designer Vince Foster – und der Star klemmt bescheiden hinter seinem Mastermind-Pult.

2 000 Fans lauschen in der bestuhlten Festhalle diesen stets ein wenig esoterisch umwölkten Synthesizer- und Sequenzer-Melodien der Marke „Schwerelos“, „Future III“ und „Nachtflug“, die sich zu einer Art sphärischem Kino für die Ohren auftürmen. Das hat zweifelsfrei spannende Momente, gerade im Zusammenspiel mit Vince Fosters visuellem Zauberkasten – aber eben vorwiegend für Freunde der gepflegten Trance mit überschaubarem Ruhepuls. Entscheidender aber: innovativ geht anders. Bei allem Respekt vor dem Schillerschen Gesamtkunstwerk: Die Techno-Basis seiner Zukunftsvision haben die Sound-Ökonomen von „Kraftwerk“ schon in den 1980ern konsequenter entworfen, seine Drum Beats sind von Paul Kalkbrenner längst durchdekliniert und der pathetische New-Age-Kitsch von „Nylon Part“ oder „Polarstern“ lässt einen auch nicht gerade spontan „Avantgarde“ rufen.

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Natürlich, das ist alles Stück für Stück perfekt zusammengebastelt, mit Flo Dauner (Drums) und Dough Winbish (Bass) sind souveräne Instrumentalisten zugange, aber Tricia McTeague (Gitarre) ist eben nicht mehr als eine mittelprächtige Sängerin („Playing with Madness“, „Looking out for You“), deren Stücke ein wenig nach dem unseligen Disco-Tand von Dieter Bohlens Gnaden tönen. Da ist Background-Sängerin Arlissa in ihren Soli („Not in Love“, „Paradise“) schon eine ganz andere Liga. Unterm Strich: Ein zunehmend ermüdendes Elektronik-Epos, das in Frankfurt dennoch bejubelt wird – und das Zugaben-Finale mit einer vorsätzlichen Schiller-Reise in die Vergangenheit („Das Glockenspiel“) einläutet. Irgendwie bezeichnend.

Quelle: op-online.de

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