Auf unsicherem Terrain

Wiesbadener Schulprojekt zur Islamismus-Prävention

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Schicksale von Altersgenossen haben Wiesbadener Realschüler bewegt und zu Recherchen in Sachen Extremismus veranlasst.

Wiesbaden - Sie haben recherchiert im Internet und beim Verfassungsschutz: Wiesbadener Schüler sind mithilfe ihres Politiklehrers zu Islamismus-Experten geworden. Nun wollen sie ihr Wissen an andere Jugendliche weitergeben.Von Isabell Scheuplein 

Enes aus Frankfurt wurde 16 Jahre alt, er kam vor zweieinhalb Jahren im syrischen Bürgerkrieg ums Leben. Angeworben für den sogenannten Heiligen Krieg (Dschihad) hatten ihn radikale Salafisten. Der Tod des Jugendlichen bewegt auch Schüler in Wiesbaden. In monatelanger Arbeit haben sie sich im Unterricht über islamischen Extremismus kundig gemacht. Heraus kamen Plakate, die sie anderen Schülern vorgestellt haben, um ähnlichen Schicksalen vorzubeugen. „Wir haben Fragen beantwortet zum Islamischen Staat (IS), zu Islamisten und Dschihadisten“, berichtet die 15-jährige Roxana von einem Projekttag zur Aufklärung über Formen des religiösen Extremismus. Und es ging um die Frage, was Jugendliche dafür anfällig machen und sie sogar dazu bringen kann, in den Krieg zu ziehen: „Vielleicht haben sie Probleme zuhause und dann wird ihnen vorgemacht, in Syrien ist alles besser, da bekommen sie Geld und Frauen.“ Eines der handgemalten Plakate stellt den Versprechungen der salafistischen Krieger die Realität vor Ort gegenüber: Gewalt, Tod und Armut.

Recherchiert haben die Schüler der Gerhart-Hauptmann-Realschule bei sozialen Netzwerken, sie haben Reportagen angeschaut und Verfassungsschützer befragt. Das Projekt hat Politiklehrer Jens Porwol ins Leben gerufen. Der 34-Jährige will gemeinsam mit den Schülern auch andere ansprechen. Bisher seien Jugendliche aus der eigenen und einer anderen Wiesbadener Schule dazu eingeladen worden. Vorstellbar seien aber auch Aufklärungsaktionen in Jugendzentren und Fußgängerzonen. Herausgearbeitet haben die Schüler auch die Unterschiede zwischen der Glaubensrichtung Islam und dem, was sich Extremisten auf die Fahnen schreiben. Da gebe es bei den anderen Jugendlichen viel Nicht-Wissen, sagt der 15-jährige Emre, selbst muslimischen Glaubens, wie rund 40 Prozent seiner Mitschüler. Traurig mache ihn, dass viele Menschen nun den Islam selbst für schlecht hielten. Wichtig sei, die Unterschiede zu Extremisten zu zeigen: „Ein Mann mit einem langen Bart ist noch kein Salafist.“

Die Frankfurter Ethnologin und Islamforscherin Susanne Schröter hat das Projekt an der Wiesbadener Schule begleitet. Die Schüler hätten im Laufe der Zeit nicht nur Wissen angesammelt, sie seien auch selbst toleranter geworden, sagt die Professorin und fordert mehr solche Projekte in den Schulen und mehr Fortbildungen für Lehrer, auch für den Umgang mit bereits radikalisierten Schülern. Anders als bei Veranstaltungen in Jugendzentren oder Moscheegemeinden könnten in der Schule alle Jugendlichen erreicht werden. Doch viele Schulen mieden das Thema, sagt Schröter: „Es gibt eine große Scheu, sich damit überhaupt auseinanderzusetzen.“ Auch das Wissen fehle oder die Bereitschaft, anzuerkennen, dass es ein Problem gebe. Tatsächlich sei dies aber der Fall, wenn etwa Schüler einschlägige Videos herumzeigten und es Streit um Gebetsräume, den Fastenmonat Ramadan oder die Vermittlung der Evolutionstheorie gebe.

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Das Kultusministerium verweist auf zahlreiche Fortbildungs- und Präventionsveranstaltungen für Schüler und Lehrer, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Violence Prevention Network (VPN) mit Sitz in Frankfurt. Auch der Verfassungsschutz ist mit im Boot, um einer Radikalisierung von Jugendlichen „frühzeitig entgegenzuwirken“. Besonders, seit die Terrormiliz IS angefangen habe, junge Menschen anzuwerben, sei die Nachfrage an Präventionsveranstaltungen gestiegen, sagt ein Sprecher des Landesamtes. 130 Ausreisen in Richtung der Kriegsgebiete seien inzwischen aus Hessen bekannt. dpa

Quelle: op-online.de

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