Bürgerinitiativen in Mörfelden-Walldorf geschockt

Kein Kampf mehr gegen Flughafenausbau

Lange Jahre war der Wasserturm von Mörfelden-Walldorf ein steingewordenes Protestmahnmal gegen den Flughafen. Mittlerweile wurden die Transparente abgehängt. - Foto: dpa

Mörfelden-Walldorf - Viele Jahre war Mörfelden-Walldorf das Zentrum der Gegner des Flughafenausbaus. Doch jetzt setzt die Stadt plötzlich auf Kooperation mit dem Airport. Die Bürgerinitiativen sind entsetzt. Von Thomas Maier 

Im Rhein-Main-Gebiet ist wohl kein anderer Ort so sehr mit dem jahrzehntelangen Kampf gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens verbunden. Doch jetzt gibt Mörfelden-Walldorf auf: Bis Ende Juli werden von den öffentlichen Gebäuden die Banner entfernt, mit denen sich die Stadt trotzig und letztlich vergeblich der Erweiterung von Deutschlands größtem Airport entgegengestellt hat.Das hat die Stadtverordnetenversammlung Mitte des Monats nach hitziger Debatte gegen den Widerstand der Bürgerinitiativen entschieden. Der langjährige Bürgermeister Heinz Peter Becker muss den Beschluss umsetzen. Er könne die Kehrtwende „nachvollziehen“, sagt der SPD-Politiker.

Die Entscheidung wird auch von seiner eigenen Partei mitgetragen, die nach der Kommunalwahl im März eine Koalition mit den Freien Wählern und der FDP eingegangen ist. Für die Fortsetzung von Rot-Grün – SPD und Grüne verloren zusammen mehr als 20 Prozentpunkte – hat es nicht mehr gereicht. Die Freien Wähler, die aus dem Stand mit 22,8 Prozent hinter der SPD zweitstärkste Kraft wurden, haben sich bewusst als Pro-Flughafen-Partei in Szene gesetzt. Mindestens 4000 der rund 34 000 Einwohner der Stadt arbeiten am Flughafen. Außerdem gibt es viele Firmen in der Gemeinde, die vom Flughafen leben.

Die örtliche SPD, die seit der großen Auseinandersetzung um die Startbahn-West im Jahr 1981 auf Konfrontation mit dem Flughafen war, beugte sich jetzt also der starken Macht der Tatsachen. Kooperation mit dem Nachbarn ist angesagt. Das Verhältnis zum Airport müsse deshalb „neu bewertet“ werden, heißt es im Koalitionsvertrag. Juristisch ist das Kapitel ohnehin beendet, wie Becker nüchtern konstatiert. Im Kampf um den Bau der Nordwestlandebahn gegen den Flughafenbetreiber Fraport hat die Stadt die Prozesse verloren. Drei Millionen Euro hat dies die Gemeinde in den vergangenen 15 Jahren gekostet. Nicht nur für Gutachten und Anwälte, sondern auch für städtische Mitarbeiter, die freigestellt worden waren.

Umsonst sei das aber dennoch nicht gewesen, sagt der Bürgermeister. Er verweist vor allem auf das gerichtlich verfügte Nachtflugverbot von 23 bis fünf Uhr morgens. „Das ist eine wesentliche Qualitätsverbesserung, die wir abgetrotzt haben.“ Mörfelden-Walldorf werde sich auch weiterhin für weniger Fluglärm einsetzen, sagt Becker. Dies werde aber nicht mehr vor Gericht passieren, sondern in den zuständigen Gremien wie der Fluglärmkommission.

Bilder: Frankfurter Flughafen wird 80

Die Bürgerinitiativen haben für den „Schmusekurs“ des Magistrats keinerlei Verständnis. „Das ist eine große Enttäuschung für uns“, sagt der Sprecher des BI-Bündnisses gegen den Flughafenausbau, Thomas Scheffler. Er verweist darauf, dass es inzwischen andere „Speerspitzen“ des Widerstands gebe. Dazu zählt er den vom Fluglärm durch die neue Landebahn besonders betroffenen rheinhessischen Raum um Mainz und den Frankfurter Süden. „Der Kampf ist ungebrochen“, versichert Scheffler. Es müsse vor allem ein „echtes“ Nachtflugverbot von 22 bis sechs Uhr morgens geben. An den Montagsdemos wird auch – fast fünf Jahre nach Eröffnung der neuen Landebahn – festgehalten. Beteiligt seien immer noch regelmäßig 300 bis 400 Menschen, sagt Scheffler. Die 184. Montagsdemo findet am 29. August statt, derzeit ist Sommerpause.

Am Rathaus Walldorf soll derweil bis Ende der Woche das große Flughafenprotest-Banner verschwinden. Vom Wasserturm wurde es bereits abgehängt, mit Hilfe der freiwilligen Feuerwehr. Das Banner wandert nun - zur Erinnerung an die vergangenen Zeiten - ins Stadtarchiv. dpa

Quelle: op-online.de

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