„Liberté, Égalité, Varieté!“

Tigerpalast in Frankfurt: Die Faszination der Nähe

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Zirkuskunst ohne Distanz: Die aus Moskau stammende Artistin Alyona Pavlova bei ihrer Darbietung. Rechts unterm Dach: das Varieté-Orchester.

Frankfurt - Das neue Programm des Frankfurter Tigerpalasts ist in der Welt. Die offizielle Premiere war am Dienstagabend vor geladenem Publikum. Auch im 29. Jahr seines Bestehens garantiert das Haus gut gelaunte Spitzenartistik. Von Michael Eschenauer

Okay, okay, gestartet ist die aktuelle Herbst-Ausgabe von Frankfurts Unterhaltungs-Flaggschiff „Tigerpalast“ bereits am Donnerstag vergangener Woche. Aber ohne die Weihen der Frankfurter Schickimicki-Abteilung samt Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Ortsbeirat müsste das 29. Jahr unter dem Motto „Liberté, Égalité, Varieté!“ in einer Art irrealen Zwischenwelt verharren. Und so blockierten am Dienstagabend Scharen von Schönen und Wichtigen wangenreibend, in die Luft küssend und schulterklopfend die Heiligkreuzgasse in der Frankfurter Innenstadt. Es gab Champagner und Canapés unter freiem Himmel, während genervte Autofahrer halsbrecherisch um 15 Zentimeter hohe Highheels kurvten.

Ganz eng: Frankfurts OB Peter Feldmann und sein Offenbacher Amtskollege Horst Schneider

Am Premierenabend überbrückte die Liste der Geladenen eine Zeitspanne von fast 95 Jahren. Johnny Klinke begrüßte besonders Frankfurts künftige Ehrenbürgerin und 95-jährige Holocaust-Zeitzeugin Trude Simonson („Sie sind die Königin heute Abend“) sowie ebenso entzückt die gerade sechs Wochen alte Tochter Züleyha des samt Ehefrau Zübeyde anwesenden Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann. Offenbachs OB Horst Schneider wurde als „Freund Frankfurts“ vorgestellt, und der ebenfalls anwesenden Eintracht Frankfurt-Prominenz Fredi Bobic, Axel Hellmann und Rainer Falkenhain schmierte Klinke genüsslich die erstaunte Aussage eines Spielers aufs Brot, bei Nico Kovac und dessen langen Trainingstagen müsse man ja richtig arbeiten, was er bisher in dieser Form nicht gekannt habe. „Ja, Arbeit, das ist das Geheimnis“, grinste Klinke und betonte ironisch, dass die Eintracht derzeit immerhin mit drei Tabellen-Punkten gleichauf mit Bayern München stehe.

Mit diabolischer Mimik und Frankenstein-Outfit: Jochen Schell, der unglaubliche Kreisel-Akrobat, erntete stürmischen Applaus.

Der periodische Promi-Auftrieb gehört zum festen Veranstaltungsreigen und zur politischen Landschaftspflege des im Jahre 1988 von Johnny Klinke und Margareta Dillinger gegründeten, in einer ehemaligen Kapelle der Heilsarmee residierenden Entertainment-Schwergewichts. Wichtig für den Normalbürger der Region ist kaum, wer hier wen wie trifft und auf welche Weise betextet. Entscheidend ist für ihn, dass die umfassende Qualität der Firma Tigerpalast nicht nur für Edel-Gäste funktioniert. Die gut geölte Maschine dreht sich für jeden, der den Eintrittspreis von rund 60 Euro zu zahlen bereit ist. Das Personal ist von natürlicher Freundlichkeit, hat Witz und Spontaneität, ohne eine Spur Unterwürfigkeit. Die Artisten aus aller Welt, handverlesen von Margareta Dillinger, mögen zwar nicht immer völlig Neues auf die relativ kleine Bühne und den Luftraum über den 190 Zuschauern zaubern. Immer aber wohnen ihrer Show der entscheidende Schuss Überraschung, Authentizität und eine fast berauschende Nähe zur hohen Kunst der Unterhaltung inne. Die exquisite Hausband begleitet seit dem ersten Show-Tag jede Darbietung live und verwandelt sogar die Pausen dazwischen in ein wunderschönes Soft-Jazz-Konzert.

Spitze im aktuellen Programm sind der diabolische Avantgarde-Jongleur Jochen Schell aus Berlin (bis 23.10.) und die aus Paris stammende Equilibristik-Artistin Marie-Éve Dicaire. Beide waren bisher noch nicht im Tigerpalast zu sehen. Das aus neun Darbietungen plus der mitreißenden Jazz-Sängerin Joan Faulkner bestehende Programm setzt auf Bewährtes wie zum Beispiel den absolut unfassbaren Wortakrobaten Marcus Jeroch (bis 16.10.), den Puppenspieler Alex und seinen durch zahllose Fäden zum Leben erwachenden Barti sowie die Grynchenko Brothers, die immer wieder mit ihren symbiotischen, auf unglaubliche Kraft und Balance gebauten Körperkonstruktionen begeistern.

Quelle: op-online.de

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