„Unter Waffen: Fire & Forget 2“ im Museum Angewandte Kunst

Ausstellung: Die Kunst des Krieges

+
Nein, kein UFO, sondern eine Vorrichtung („POW 08“), designt von Bernard Khoury, um Kriegsgefangene zum Feind zu fliegen – ungesehen von jedem Radar.

Frankfurt - Dildos in Handgranatenform, Schlagringtassen, ein Berg aus 706 gefundenen Projektilhülsen, alle kunstvoll verziert – das ist die Schau „Unter Waffen“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst. Zwischen Wunder- und Schreckenskammer sind 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche wie eine Kunst- und Waffenmesse inszeniert.  Von Reinhold Gries

Die Neufassung der Ausstellung „Fire & Forget“ des KW Institutes for Contemporary Art Berlin folgt der Spur ihrer Vorgängerin: der Allgegenwart von Waffen- und Militärästhetik in Mode, Design, Kunst und Alltagskultur, ohne die unsere Gesellschaft offenbar nicht auskommt. Freilich spürt der Betrachter die Ambivalenz zwischen Bewunderung des Skurrilen oder gar Schönen und dem Beängstigenden der Exponate. Zumal Künstler wie Barbara Kruger, Omer Fast, Timo Nasseri, Nedko Solakov und Timur Si-Quin oder Design-Labels wie adidas Originals, Alpha Industries, Dorothy oder Ted Noten in die Vollen gehen. Wie tief sich Gewaltästhetik in unseren Alltag gefressen hat, sieht der Ausstellungsbesucher rasch. Etwa daran, wie selbstverständlich Bomberjacken wie „Ma-1 Jacket“ betrachtet oder Julian Röders in C-Print ritualisierte „World of Warfare“-Aufmärsche in Arabien gesehen werden. Das Video „The Nuclear Football“ samt winkendem George W. Bush passt dazu. Der kreisrunde Showroom mit Werbefilmen für martialisches Militärgerät, samt entsprechender Geräuschuntermalung, geht an die Nerven und unter die Haut. Ist für die Waffenlobby der Krieg nach wie vor die „Mutter aller Dinge“?

Aber Künstler und Designer dokumentieren nicht nur, sie gestalten, irritieren und verfremden. Zum Beispiel Ives Maes mit aus Harz, Hanf und Mohnsamen recyclebaren Anti-Personen-Minen, Kris Martin mit einem zwei mal zwei Meter großen Haufen an 706 gefundenen Granatenhülsen, allesamt wundervoll verziert und getrieben, oder Dorothy mit Handgranaten-Silber als Weihnachtsbaumschmuck. Eiskalt wirken Installationen mit Einschussloch in der schusssicheren Glaswand, neun aufgereihte Metallplatten mit unzähligen Einschüssen der Berliner Polizei oder verschieden kalibrige Einschläge der Militärpolizei Sao Paolo. Dagegen hat eine Wand mit fast hundert hölzernen Gewehrattrappen fast etwas Beruhigendes.

Waffen und Militärfahrzeuge können auch lächerlich ausschauen, wenn man in Julian Röders „World of Warfare“-Druck sieht, wie minutiös das gepanzerte Fahrzeug von einer Putzkraft abgewischt wird. Glänzen soll es schon… Nedko Solakovs Ritterrüstungen wirken dann gar nicht mehr so aus der Zeit gefallen. Auch sie retteten weniger als sie umbrachten. Das Waffenhandwerk hat noch seinen festen Platz im Hobby-Zimmer, was Ala Younis mit seiner Installation perfekt ausgerichteter Zinnsoldaten auf fünf Metern Länge darstellt. Sympathischer sind da schon jadegrüne „Yoga Joes“, Soldatenfiguren in Yoga-Posen. Gegen solche Kampfesführung hätte man ja wenig einzuwenden.

Bundeswehr birgt Weltkriegs-Panzer aus Ostsee-Villa

Barbara Kruger setzt gegen Waffen-Wahnsinn in rot-weißem Vinyldruck die ätzende Macht des Wortes: „Leute, wir sind mächtiger, intelligenter, schöner, moralischer, kultivierter und sauberer. Wir sind gut, und ihr seid böse, Gott ist auf unserer Seite…“ Wer erinnert sich da nicht an Ronald Reagans Bewertung von Gorbatschows Sowjetunion als „Reich des Bösen“? Doch es kam anders nach dem „Mr. Gorbatschow, open this gate“ am Brandenburger Tor – ohne Waffengewalt. Nicht nur unterschwellig ist diese Schau auch eine politische: in Julius von Bismarcks aufmarschierenden Polizisten-Attrappen, in Tinus Sin-Quis Axt in Kreuzform aus gestapelten Axe-Shampooflaschen. Demilitarisierend hingegen Goncalvo Mabundes Häuptlingsthron aus ausrangierten Handfeuerwaffen. Aber ganz wohl fühlt sich der Betrachter auch bei der „YSL 001 Serie 7“ des Ateliers Ted Noten nicht, einer aus einem 3-D-Drucker entstandenen rosa Nylon-Pistole, oder auch bei der Straßenmarkierung eines Drohnenschattens. Und was ist mit Bernard Khourys „Pow 08 Conops“? Ist das Behältnis ein Schutzkörper, eine Angriffswaffe oder sogar ein Sarg? Das MAK bereitet eine Achterbahn der Gefühle.

„Unter Waffen. Fire & Forget 2“ bis zum 26. März im Museum Angewandte Kunst Frankfurt, dienstags, donnerstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 20 Uhr.

Quelle: op-online.de

Kommentare