In Frankfurts Alter Oper

Vicky Leandros: Jede Sekunde formvollendet

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Gefühlvoll und selbstbewusst: Zwischen gehobenem Schlager und Chanson ist Vicky Leandros in ihrem Element.

Frankfurt - Über fünfzig Jahre steht Vicky Leandros nun schon auf der Bühne. Grund genug, mit ihren Fans in Frankfurt zu feiern – und zwar ausgiebig. Von Sebastian Hansen 

Wieder und wieder lässt sie ihr Publikum mitsingen, in einem 1 700 Stimmen starken Chor. Und wenn Vicky Leandros ihre Anhänger duzt, dann wirkt das in einer ungetrübten Art herzlich, ohne jede Peinlichkeit. Ihr Auftritt ist in jeder Sekunde formvollendet. Jede Bewegung ist an ihrem Platz, jedes Wort genauso, nie trägt sie zu dick auf. Die Wärme, mit der sie ihr Publikum anspricht, mag das Resultat eherner Professionalität sein, gleichwohl wirkt sie in einer sympathischen Weise echt. Die 63-Jährige blättert in der Frankfurter Alten Oper ihr Erinnerungsalbum auf – die Konzertreise steht unter dem Motto „Das Leben und ich“. Charmant erzählt sie Anekdoten und lässt einen Strom von Plattenhüllen und Tourneeplakaten passieren, zudem zeigt sie eine Reihe von Ausschnitten aus haarsträubend plüschig ausgestatteten Fernsehshows vergangener Jahrzehnte. Ein Stück Stilgeschichte in Frisierkunst, Mode und Grafik.

Ein eingeschworener Anhänger des Schlagers braucht man nicht zu sein, um Leandros’ schönste Klassiker wie „Ich bin“ oder „Ich liebe das Leben“ zu goutieren. Das sind wunderbare Melodien, über den Kitsch erhaben und Ausdruck einer so gefühlvollen wie selbstbewussten Frau. Eine „weiche“ Spielart des Feminismus. Die sechsköpfige Band, auch für den begleitenden Chorgesang zuständig, zeigt sich in einer dezenten Art engagiert; von Gewinn könnte es sein, wenn sie ein wenig mehr Präsenz eingeräumt bekommen würde.

Mit ihrem charakteristischen Stil vermag Vicky Leandros es, in einer respektablen Weise Jacques Brels „Ne me quitte pas“ und gar eine französische Version von Dylans „Don’t Think Twice“ zu singen. Arg gewagt indes ist die deutschsprachige Schlagerprägung des aus den Sechziger Jahren stammenden Garagenrock-Krachers „The Letter“ (von The Box Top, später dann Joe Cocker). Eher ein Fall für den Kuriositätenstadel. Eine Popsängerin ist Vicky Leandros niemals gewesen, für ihre Zeit typisch changierte sie zwischen gehobenem Schlager und einem Anflug von Chanson.

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Glücklicherweise hat sie den Anteil an Nummern jüngeren und jüngsten Datums klein gehalten. An die große Zeit in den späten Sechziger und den Siebziger Jahren hat sich künstlerisch eine endlose Schleife der Karriereverlängerung angeschlossen. 2009 hatte ihr Xavier Naidoo das Album „Möge der Himmel“ geschneidert, dessen Nummern sich bloß angehört haben wie der Mannheimer mit einer Sängerin anstelle seiner selbst. Und was eigene Songs angeht, wie sie auf dem im vergangenen Jahr herausgebrachten Album „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ verstärkt enthalten sind – eine große Songschreiberin ist an ihr nicht verlorengegangen. Die persönlichen Bekenntnisse, unter anderem zum Thema Altern, geraten ihr erstaunlich kunstlos. Hinter den Höhenflügen der besten Tage bleiben ihre Alben schon seit langem schmerzhaft zurück. Da geht es Leandros nicht anders als Lindenberg. Die Konzerte sind die verbliebene Trumpfkarte. Wie stets ist sie auch in Frankfurt wieder bejubelt worden – ganz zu Recht.

Quelle: op-online.de

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