Kein bisschen Luxus für Stamm-Gäste

In Witzenhausen steht Hessens einzige Baumhaus-Herberge

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Die Baumhäuser in Witzenhausen sind deutschlandweit eine Rarität, denn die nach Robin Hood benannten Häuser von „Robins Nest“ stehen nicht auf Stelzen.

Witzenhausen - Schlafen im Eisenbahnwagen, im Heu, im Erdhügel – wer nach außergewöhnlichen Übernachtungen sucht, wird auch Hessen fündig. Zu den originellsten Angeboten gehört eine Baumhaus- Herberge in Nordhessen. Trendforscher glauben: Das Besondere ist gefragt. Von Sandra Trauner 

Über Treppen, Stege und Hängebrücken geht es hinauf zu den Baumhäusern. Bis zu sieben Meter hoch über dem Waldboden schweben die Hütten. „Robins Nest“ heißt die Baumhaus-Herberge im nördlichsten Zipfel Hessens. Laut Hessen Agentur, die für das Tourismus-Marketing des Landes zuständig ist, ist es das einzige seiner Art im Bundesland. Aber auch immer mehr andere Anbieter versuchen sich mit ungewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten von der Konkurrenz abzuheben – gerade in abgelegenen Gegenden. Sie vermieten Schäferwagen, Schlafabteile in historischen Eisenbahnen oder Heu-Betten. Die Baumhäuser bei Witzenhausen sind auch deutschlandweit eine Rarität, denn anders als in vielen anderen Ferienanlagen mit Baumhäusern stehen die nach Robin Hood benannten „Nester“ nicht auf Stelzen. Das „Stammhaus“ ist um einen einzigen Baum herumgebaut, das „Birkenhaus“ an zwei, das „Korkhaus“ an drei Bäumen befestigt.

Geschäftsführer Peter Becker im Stammhaus. Es ist um einen einzigen Baum herum gebaut.

In diesem Sommer geht „Robins Nest“ ins dritte Jahr. 2014 hat Peter Becker die ersten drei Häuser gebaut – zehn sollen es insgesamt werden. Aufgewachsen ist der 31-Jährige gleich um die Ecke, im Dorf Gertenbach. Jahrelang lebte er in Berlin, betrieb eine Bar und eine Galerie, reiste um die Welt „und dann habe ich gemerkt, was ich immer vermisst habe: die Natur“, berichtet Becker. Becker pachtete von Schloss Berlepsch 8 000 Quadratmeter Grund und vereinbarte eine Kooperation: Seine Gäste können im Schloss duschen und dort im Restaurant gepflegt essen – denn in den Hütten geht es eher rustikal zu: In den für vier Personen ausgelegten Baumhäusern gibt es nur eine Waschschüssel mit Wassergallone. In die Trockentoilette streut man Rindenmulch übers Geschäft.

2015 baute Becker eine Waldbar, in der der Herbergsvater jeden Morgen selbst das Frühstück für die Gäste zubereitet. Am einzigen Tisch kommen sich die Bewohner näher, ob sie wollen oder nicht. Nachts brennt vor der Hütte Lagerfeuer, Kinder rösten Stockbrot. Zwei Mütter mit je zwei Töchtern haben sich schnell angefreundet. Morgens tauschen sie sich aus, welches Haus in der stürmischen Nacht lauter geknarzt hat. Die Kinder schwingen reihum an einem langen Seil mit einem Stock als Haltegriff meterhoch zwischen den Bäumen hin und her. Becker baut ständig weiter: eine raumschiffartige Kugel, gerade groß genug für ein Doppelbett, ein Indianer-Tipi und eine Sonnenterrasse sind schon fertig. Nun soll der Löschwasserteich ein Schwimmbad werden, „Naturspa“ sagt Becker dazu. Das Stelzenhaus, das er derzeit für Gruppen bis zu acht Personen vermietet, soll später die Rezeption werden. Anstelle der schon jetzt zu kleinen Waldbar will er ein „Hobbithaus“ in den Hang bauen.

Der Blick durchs Dachfenster in den Himmel ist grandios.

Die Nachfrage ist da, sagt der Gründer. Sein Businessplan für die Baumhäuser sieht vor, dass er in zehn Jahren die Investition wieder drin hat. Im Sommer sind die Häuser Monate im Voraus ausgebucht, obwohl man für den Preis auch ein Luxushotel bekäme. „Robins Nest“ ist das Gegenteil von Luxus: „basic“, sagt Becker. Aber gerade darum kommen viele der Gäste hierher. Sie suchen Entschleunigung und Naturnähe. Ein Trend, der auch andere Anbieter in Hessen zu neuen Ideen anspornt. Als „Nischenanbieter“ können sich solche Angebote durchaus etablieren, sagt Folke Mühlhölzer, Geschäftsführer der Hessen Agentur. Es gebe durchaus einen Markt für Urlaub in der Region und abseits vom Mainstream. „Gefragt sind Alleinstellungsmerkmale, Authentizität und Regionaltypisches. Die Gäste wollen etwas Besonderes.“

Baumhausunterkünfte in Deutschland

Rechnen kann sich nach Einschätzung der Hessen Agentur eine solche Investition für die Betreiber, wenn das Angebot exklusiv genug ist, um hohe Preise zu verlangen. Oder wenn es nicht das einzige Standbein ist. So böten zum Beispiel oft Bauernhöfe besondere Übernachtungen. Für die Familien sei das eine weitere Einnahmequelle neben dem klassischen Urlaub auf dem Bauernhof und ihrem Kerngeschäft, meinen die Tourismus-Experten.

Auch das von Matthias Horx gegründete Zukunftsinstitut hat beim Tourismus den „Megatrend Individualisierung“ ausgemacht: „Die Tourismusindustrie wird sich von der industriellen Produktion ihrer Angebote verabschieden müssen, um das neue Bedürfnis der Reisenden von morgen zu treffen: der Wunsch nach Besonderheit“, heißt es in einem Dossier zur Zukunft des Reisens. „Die große Herausforderung bei der Individualisierung des Reisens liegt in der Kunst, die Wünsche der Gäste mit der ökonomischen Logik der Anbieter zu vereinen.“

dpa

Quelle: op-online.de

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