Wohnstudie

Durchschnittshaushalt in Offenbach kann sich nur noch 68 qm leisten

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Köln/Frankfurt - Hier fehlt Wohnraum, dort mangelt es an Bewohnern. Zwischen Stadt und Land klafft die Entwicklung am Mietwohnungsmarkt auseinander. Zwar können sich die Hessen mehr Fläche leisten als früher, mancherorts aber auf überschaubarem Niveau - einige bleiben ganz auf der Strecke.

Seit Jahren klettern die Mieten im boomenden Rhein-Main-Gebiet, viele Haushalte ächzen unter den Ausgaben. Umso erstaunlicher ist eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Sie rechnet vor, dass sich Menschen vielerorts größere Wohnungen leisten können als vor sechs Jahren - sogar in Frankfurt. Mieterbünde sehen dennoch keinen Grund für Entwarnung.

Wie sehen die Ergebnisse der Studie genau aus?

Demnach kann sich ein privater Haushalt in Deutschland derzeit im Schnitt die Miete für eine Wohnfläche von 94 Quadratmetern leisten, wenn er 25 Prozent seines verfügbaren Einkommens dafür ausgibt - zwei Quadratmeter mehr als 2010. Am meisten Wohnfläche gibt es für ein Viertel des jeweiligen Durchschnittseinkommens im bayerischen Kreis Dingolfing-Landau oder in Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen), wo das Zwischenlager Gorleben liegt. Schlusslichter sind die Unistädte Trier, Freiburg, Heidelberg und Würzburg, wo ein Viertel des Einkommens für gerade einmal die Hälfte reicht.

Wie schneiden hessische Kommunen ab? 

Landesweit konnten sich Durchschnittshaushalte unter den gegebenen Bedingungen vor sechs Jahren 96 Quadratmeter leisten, nun 98. Die regionalen Unterschiede sind gewaltig: Die größten Wohnungen sind mit 113 Quadratmetern in den Kreisen Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder leistbar. Bei ersterem war das exakt der Wert von 2010, an Schwalm und Eder sind es fünf Quadratmeter mehr als 2010. Viel weniger bekommt man in Südhessen und Rhein-Main: In Frankfurt sind für Mieter zwar drei Quadratmeter mehr drin als vor sechs Jahren, aber dennoch nur 70. In Offenbach kann sich der Durchschnittshaushalt nur noch 68 Quadratmeter leisten - sieben weniger als noch 2010.

Was kann man daraus schlussfolgern? 

"Flächendeckend ist die Lage nicht dramatisch", sagt Ralph Henger, Volkswirtschaftler im Kompetenzfeld Finanz- und Immobilienmärkte des IW, mit Blick auf die bundesweite Entwicklung. Deutschlandweit rechnet das Institut mit einer Entspannung auch in den Großstädten: "Die Bautätigkeit zieht an. Aber es dauert drei bis fünf Jahre von der Planung bis zur Fertigstellung der Wohnungen", sagt Heger. Pessimistischer ist Eva-Maria Winckelmann, Verbandsdirektorin des hessischen Landesverbandes des Deutschen Mieterbundes. Der Markt werde nicht alles regeln. Es würden dringend Wohnungen im unteren und mittleren Preissegmet gebraucht. Für Wohnungsgesellschaften seien neue Häuser aber nicht leicht zu stemmen. Baumaterialien würden wegen der großen Nachfrage teurer und damit die Gesamtkosten. "Das ist ein Problem für kommunale Wohnungsgesellschaften, die oft Vorgaben von den Städten bekommen, die Kosten niedrig zu halten - ein Dilemma."

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Wie ist die Lage der Mieter tatsächlich in den Ballungszentren? 

Klar ist, die Mieten treiben die Menschen um. Jüngst zeigte das exemplarisch eine Befragung unter Frankfurter Bürgern. Dabei wurde die Lage am Wohnungsmarkt als das größte Problem bezeichnet. Der Geschäftsführer von Haus & Grund Hessen, Frank Ehrhardt, nennt die Lage in Rhein-Main und Südhessen angespannt, während in Nord- und Osthessen Immobilien leerstünden. Winckelmann vom Mieterbund betont, Haushalte mit geringeren Einkommen hätten in Frankfurt große Probleme. Nach ihrer Erfahrung müssen hier in Neubauten, für die die Mietpreisbremse nicht gelte, teilweise mehr als 20 Euro pro Quadratmeter hingelegt werden.

Schwierig sei das für junge Familien, sagt Winckelmann. Ein Paar könne zwar gut auf 70 Quadratmetern leben. "Aber dann kommt ein Kind und einer arbeitet nicht mehr voll", sagt sie. Eine größere, aber erschwingliche Wohnung sei nicht leicht zu bekommen. Probleme hätten auch Ältere, die eigentlich von ihrer großen in eine kleinere, altengerechte Wohnung wollten, sagt Winckelmann. Doch die sei oft teurer als die größere alte. "Deswegen werden weniger bezahlbare größere Wohnungen für Familien frei", sagt Winckelmann. Auch in Offenbach macht sich der umkämpfte Markt bemerkbar. Der Sprecher der Geschäftsführung der Gemeinnützigen Baugesellschaft GBO, Winfried Männche, sagt: "Wir haben eine stärkere Nachfrage von denjenigen, die nicht so viel Geld haben." Detlev Dieckhöfer, Geschäftsführer des Mieterbundes Offenbach, sagt: "Die wenigen wirklich günstigen Wohnungen sind heiß umkämpft." Der Durchschnittsverdiener habe hier weniger als der in Frankfurt, Kronberg oder Bad Homburg. Auch Zugezogene hätten oft mehr Geld zur Verfügung. "Alt-Offenbacher können sich die neuen Wohnungen oft nicht leisten, sofern sie nicht ihr Einkommen steigern können."

Wieviel Wohnungen werden gebraucht? 

Die Landesregierung beziffert den Bedarf an Wohnungen in Hessen bis zum Jahr 2040 in einer Prognose vom Juni auf 517.000. Allein bis 2020 müssen demnach jährlich rund 37.000 Wohnungen gebaut werden - vor allem im Rhein-Main-Gebiet und Südhessen, weniger in Mittel- und Nordhessen. Das Problem: Es fehlt an Flächen, wie Frank Ehrhardt, Geschäftsführer von Haus & Grund Hessen sagt. Für Eigentümer bestehender Immobilien müssten mehr Anreize geschaffen werden, aufzustocken oder Dachgeschosse auszubauen und so Wohnraum zu schaffen. Auch aus anderen Gründen ist Bauen kein Allheilmittel, wie Dieckhöfer vom Offenbacher Mieterbund sagt. In Offenbach gebe es etwa schon viele Neubauten, etliche Wohnungen seien verfügbar. "Der Durchschnittsverdiener muss hierfür aber entweder circa die Hälfte seines Einkommens aufwenden oder aber eine kleinere Wohnung nehmen." Dieser Wert liegt also deutlich über den 25 Prozent, die Henger vom IW als vernünftiges Maß für eine Mietbelastung bezeichnet.

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Ist abseits von Rhein-Main also alles besser? 

Zumindest fehlen hier nach einer Studie des Instituts Wohnen und Umwelt in Darmstadt kaum oder gar keine Wohnungen. In Mittelhessen etwa weisen demnach nur die Kreise Gießen und Marburg-Biedenkopf Defizite auf, in Nordhessen herrscht gar in allen Kreisen ein Wohnungsüberschuss. Auch Winckelmann vom Mieterbund betont, es gebe beispielsweise für einen Polizisten, der überall gleich bezahlt werde, kaum Anreize, vom Norden nach Rhein-Main zu ziehen. Doch deswegen sei auch auf dem Land nicht alles gut. Menschen würden von dort fortziehen, den Kommunen falle es immer schwerer, ihre Infrastruktur zu finanzieren. "Da habe ich dann zwar 125 Quadratmeter, aber dafür hohe Nebenkosten." Und für die täglichen Erledigungen sei ein Auto unverzichtbar, Fahrten zum Arzt oder zu Einkaufsläden würden länger. Auch das koste reichlich Geld.

Sprecher Harald Kühlborn vom Kreis Kassel sagt, auch wegen des energetischen Zustands seien die Nebenkosten in manchen Häusern oder Wohnungen hoch. "Da hat man noch die Nachtspeicherheizung und Einfachverglasung." In abgelegenen Regionen im Kreis lägen die Preise pro Quadratmeter unter vier Euro, in einer Reihe von Orten stehe ein Drittel der Häuser leer. Je näher es Richtung Kassel gehe, desto mehr zögen die Mieten auch hier an - bis auf sechs Euro direkt bei Kassel. "Der Preis richtet sich nach der Erreichbarkeit", sagt Kühlborn.

(dpa)

 

Quelle: op-online.de

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