Brüllen und Fluchen: Mit Wut-Yoga zur inneren Mitte

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Die Erfinderin des "Rage Yoga", Lindsay Istace, findet mit Brüllen, Schreien und Fluchen zur inneren Mitte.

Plätschernde Brunnen, sanftes Glockenspiel und die Welt des Zen sind nicht jedermanns Sache. Mit einem radikalen Gegenentwurf zu eher stillen, meditativen Yoga-Kursen stößt eine Kanadierin in Calgary auf Gleichgesinnte. Teil der Übung: der kontrollierte Wutausbruch.

Es ist abends gegen 18 Uhr, als sich rund 20 Menschen im kanadischen Calgary in einem dunklen Raum zusammenfinden und ihre Yoga-Matten ausbreiten. Sie kommen von der Arbeit oder von Hochschulkursen, wollen ihrem Körper und Geist etwas Gutes tun.

Nach ein paar Atemübungen und einem "Moment der Stille", wie Kursleiterin Lindsay Istace den Auftakt nennt, geht es los: Die Teilnehmer fangen an zu brüllen, zu schreien, zu fluchen. Dazu läuft Metal oder harter Rock. Herzlich willkommen zum "Rage Yoga" - Yoga mit gewollten Wutausbrüchen, alles im Hinterzimmer einer Kneipe in Calgary.

"Für viele Menschen kann die Atmosphäre eines traditionellen Yoga-Studios manchmal sehr einschüchternd sein", sagt die 24-jährige Istace der Deutschen-Presse Agentur. Sie denke dabei manchmal an eine Bücherei voller Kunstturner - perfekte Posen und eine einschüchternde Stille. "Der zentrierte, gelassene, friedliche Ansatz funktioniert für viele Menschen, aber er funktioniert nicht für jeden." Denn manchmal muss man einfach schreien, um inneren Frieden zu finden.

So war es auch, nachdem Istaces Beziehung am Ende war. Frustriert und verletzt sei sie gewesen, habe häufiger geflucht als sonst - auch bei ihren Yoga-Übungen zu Hause. "Erst scheint es ein bisschen verrückt", sagt die Verrenkungskünstlerin, die auch Messer schlucken, Feuer speien und jonglieren kann. Doch laute Kraftausdrücke und Geschrei seien eine Art Reinigung von innen gewesen. Als sie ihren Freunden davon berichtete, kam die Idee: Wut-Yoga! Und im Hinterraum des Dickens Pub, das zum Bier auch Burger, Pizza und Chicken Wings serviert, werde sicher niemand an typische Yoga-Studios erinnert.

So verquer der Mix manchem Yogi erscheinen mag: In Calgary ist die Sache ein Erfolg. Seit der Premiere im Januar gibt Istace drei Kurse pro Woche, im Schnitt kommen 15 bis 20 Teilnehmer. Von Menschen, die mit 18 Jahren gerade alt genug sind, um in Kanada eine Kneipe zu betreten, bis zu Mittfünfzigern. "Einige sind noch nie bei einem Yoga-Kurs gewesen", sagt Istace - aber auch Yoga-Lehrer seien dabei.

"Zen, fließendes Wasser - der ganze Mist zieht bei mir nicht wirklich", sagt die Schmuckdesignerin Erin Crossman (35), die seit Januar mit dabei ist. Über die Jahre habe sie verschiedene Yoga-Kurse ausprobiert, aber das lockere Umfeld sei ihr einfach lieber. Und auch die Musik - Metal von System of a Down, Industrial Rock von Nine Inch Nail oder auch mal japanischer Power-Metal - sei mehr ihre Wellenlänge. "Celine Dion hören wird bei mir nicht wirken." Auch "The Final Countdown" von Europe und "Eye of the Tiger" von Survivor waren schon im musikalischen Programm.

Brüllen und Fluchen

Um das Brüllen und Fluchen allein gehe es nicht, versichert Minaz Bhanji. Die gelegentlichen Kraftausdrücke und Schreie seien eher die Entsprechung der indischen Grußgeste Namaste beim normalen Yoga. Atem- und Körperübungen gebe es bei Istace natürlich. Nur: "Ich werde nicht beurteilt, dass ich albern aussehe, dass ich eine Pose nicht halten kann, wie gut meine Linien aussehen." Wie bei Istace war es bei dem 47-jährigen Atemtherapeuten das Ende einer Beziehung, das ihn zum Wut-Yoga brachte. Wenigstens, sagt Bhanji, habe er nicht mehr den ganzen Tag zu Hause gesessen und Trübsal geblasen.

"Kameradschaft und Lachen" sei Kern des Kurses, sagt Istace. Die meisten vermuteten hinter dem Namen "ein paar halb besoffene, fluchende Mistkerle". Doch die Teilnehmer lachten viel - das bestätigt Bhanji - und blieben anschließend gern mal für ein Bier. Gegen betrunkene Yoga-Schüler habe Istace nichts, der Kneipentresen liegt immerhin nur ein paar Schritte entfernt. Auf ihrer Website zeigt sich Istace in Yoga-Pose - mit einer Flasche Bier in der Hand.

dpa

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