Gruppe Aspei im Klingspor-Museum

Kunst des Widerstands

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Mamuka Japharidze: „Wir sehen einander (den Rubel) an“.

Offenbach - Wer Unbekanntes und Ausgefallenes in der Kunst sucht, wird in Offenbach meistens fündig. Nicht zum ersten Mal auch im Klingspor-Museum, wo die Bochumer Künstlerplattform „Aspei“ ungewöhnliche Brücken schlägt. Von Reinhold Gries 

„Das Klingspor-Museum, in dem wir zum dritten Mal zu Gast sind, ist ein wichtiger Ort für seltene Themen. Hier können wir Inhalte bringen, die man sonst nicht sehen würde. Dazu habe ich für den anspruchsvollen Druck unserer Broschüren mit Klaus Kroner und der Offenbacher Grafischen Werkstatt für Technik und Kunst Partner gefunden, um unsere Projekte auf hohem Niveau in alten und neuen Techniken zu realisieren“, sagt Kurator und Schriftsteller Martin Hüttel, dessen Bochumer Wohnviertel „An der Aspei“ dem Kulturverein seinen Namen gibt. Umso bedauerlicher ist es, dass diese Grafische Werkstatt verpackt in Kellerräumen des Bernardbaues lagert und nicht genutzt wird…

Aber Hüttel, der west-östliche Wanderer, ist Kummer gewöhnt. Er lässt sich in seinen experimentellen, lyrischen und dadaistischen Texten ebenso wenig von politischer Großwetterlage aufhalten wie andere Aspei-Künstler aus Georgien, Polen, Russland und Deutschland. Im Gegenteil: Georgische und russische Künstler knüpfen an suprematistische und konstruktivistische Kunst im Moskau der 1920er Jahre an, als hätte es deren folgende Unterdrückung durch den Stalinismus gar nicht gegeben. Das spiegelt die „Aspei“-Figuration von Wladimir Nemuchin (2004), Eduard Stejnbergs neodadaistische Collagen „Fenster“ und „Bochum-Kimry“ (1984) oder auch Ilja Kabakovs Offsetprint „Der Vater zieht die Uhr auf“.

Die Künstler belassen es nicht bei Ästhetischem. Das sieht man schon an programmatischen Neuauflagen wie der elegant typographierten russischen Avantgarde-Zeitschrift „H2SO4“. Mamuka Japharidzes Computergrafik „Wir sehen einander (den Rubel) an“ mit im Profil gezeigten Figuren, die sich die Ohren zuhalten, braucht keine weitere Deutung. Auch nicht fotografisch dokumentierte Aspei-Konzeptkunst im Wald mit georgischen Schrifttransparent, auf dem steht: „Ich beklage mich über Nichts und mir gefällt alles, ungeachtet dessen, dass ich noch nie hier war und nichts über diese Gegend weiß“.

Vagric Bachcanjan verwandelt eine Serie gestempelter, signierter und datierter Zeitungsausschnitte mit Fotos von Sigmund Freud oder Julia Timoschenko zu „Dollar-Size-Pictures“ im Banknotenformat. Wie auf Tafeln präsente Geldwerte zu Transaktionen mit Dollar, Euro und Rubel nicht nur die Optik bestimmen, hat Gudrun Lehmanns Lemberger Fotoserie eingefangen. Ohne Worte kommt Archil Turmanidzes kritische Computergrafik mit nicht näher identifizierbarer Flugrakete zum Schuss zu Waffenlieferungen in Krisengebiete. Dazu passen Videos und Fotos konspirativer Kunstaktionen auf sowjetrussischen Äckern und in engen Moskauer Behausungen oder die in den Sandstrand von Rügen geschriebene Aktion „DA SEIN“.

Ja, das Dasein solch widerständiger, anarchischer, poesievoller oder fantasiereicher Kreativer, wie man sie im Klingspor-Museum kennenlernt, gibt Hoffnung mitten in wiedererstarkender Großmannssucht in Ost und West. Aspei-Künstler jedenfalls lassen gewachsene Verbindungen keineswegs abreißen. Auch nicht nach Offenbach, wo man mit Druckexperte Klaus Kroner zum Büchner-Jahr ein Faksimile zur Streitschrift „Der Hessische Landbote“ herausgab. Die Bleilettern zu Büchners „Friede den Hütten! Krieg den Palästen?“, die man 1834 in Offenbach benutzte, um das Flugblatt in Carl Prellers Werkstatt zu drucken, sind grafisch beigelegt.

„Aspei. Literatur zwischen Ost und West“ bis 15. Februar im Offenbacher Klingspor-Museum. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10-17 Uhr, Mittwoch 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-16 Uhr

Quelle: op-online.de

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