Offenbacher Autor Bernard von Brentano

Romancier einer deutschen Familie

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Bernard von Brentano, heute vor 50 Jahren in Wiesbaden gestorben, wurde am 15. Oktober 1901 in Offenbach geboren. 19 Jahre lang lebte der Verfasser von „Theodor Chindler“ hier.

Offenbach - „Ich bin ein Offenbacher, und ich habe das immer wieder betont. Und ich bleibe auch ein Offenbacher. “ Zeit seines 63 Jahre währenden Lebens vergaß der Schriftsteller Bernard von Brentano nicht, woher er kam. Am 29. Dezember 1964 starb er in Wiesbaden. Von Markus Terharn 

Geboren wurde er unter einem berühmten Namen in eine politische Sippe. Das Licht der Welt erblickte der Romancier, Journalist und Essayist am 15. Oktober 1901 in Offenbach. Sein Vater Otto von Brentano di Tremezzo war Rechtsanwalt, später Abgeordneter der Zentrumspartei im Landtag zu Darmstadt und im Reichstag, zeitweise hessischer Justiz- und Innenminister. Zwei Söhne traten in seine Fußstapfen: Clemens war erster Botschafter der Bundesrepublik in Italien; Heinrich brachte es zum CDU-Fraktionschef im Bundestag und Außenminister.

Die Familie wohnte von 1891 bis 1901 an der Luisenstraße 54, bis 1920 an der Geleitsstraße 109. Dieses Haus steht noch, ist aber in Privatbesitz und nicht zu besichtigen. Es könnte eine Gedenktafel vertragen. Bernard von Brentano verbrachte hier seine Kindheit und Jugend, lebte da länger als irgendwo sonst, bis er nach dem Abitur in Freiburg und München studierte und gen Berlin zog.

Nachfolger von Joseph Roth

Als Nachfolger des großen Joseph Roth war Brentano dort Feuilletonist der „Frankfurter Zeitung“. Dies sowie sein 1932 erschienenes Buch „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ trug ihm den Hass der Nationalsozialisten ein, die seine Schriften 1933 verbrannten. Der Autor ging ins Exil in die Schweiz, wo er 1936 beim Verlag Oprecht in Zürich sein Hauptwerk veröffentlichte – den Roman „Theodor Chindler“.

Bis zur Kenntlichkeit hat Brentano darin Familie und Geburtsstadt als Material verwendet, ohne sie direkt abzubilden. Titelheld Chindler ist wie sein eigener Vater Zentrumspolitiker. Der Ort heißt Neustadt, weist aber Ähnlichkeiten mit Offenbach auf. So passt die Beschreibung des Siegesplatzes, auf dem im August 1914 der Kriegsbeginn verkündet wird, auf den Aliceplatz, und die Ludwigstraße, wo Chindlers residieren, gleicht der Geleitsstraße.

Während die Söhne Ernst und Karl an die Front müssen, redet sich die Heimat die Köpfe heiß. Schwiegertochter Lilli lässt sich mit anderen Männern ein. Tochter Maggie kommt in Kontakt mit Sozialistenkreisen. Und Sohn Leopold pflegt ein homoerotisches Techtelmechtel mit einem Mitschüler...

Klug, klar, fesselnd

Ungeniert mischte Brentano erfundene Figuren mit historischen wie Walther Rathenau, Reichskanzler Georg von Hertling oder General Erich von Falkenhayn. Bert Brecht lobte den Stil dieses Epos, das in einem Atemzug mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ genannt und vom Nobelpreisträger freundlich beurteilt wurde als „ein vorzügliches Buch, mit leichter und sicherer Hand gemeistert, klug, klar und fesselnd“. Näher läge ein Vergleich mit Heinrich Mann, der in „Der Untertan“ wie in „Professor Unrat“ die Mentalität der Kaiserzeit analysiert und in „Die kleine Stadt“ ein Bild aus der Provinz gezeichnet hat.

Deutsche lasen „Theodor Chindler“ erst, nachdem der Verfasser 1949 aus der Emigration zurückgekehrt war. 1951 erschienen, war es dann lange vergriffen. Neues Interesse weckte 1979 ein TV-Achtteiler von Hans W. Geißendörfer. 2001, zum 100. Geburtstag Brentanos, warf Suhrkamp ein edles Taschenbuch auf den Markt. Und zum 50. Todestag hat der Verlag Schöffling den „Roman einer deutschen Familie“ in einer gebundenen Ausgabe wieder aufgelegt, versehen mit einem kenntnisreichen Nachwort von Sven Hanuschek, ausgewiesener Experte für die Literatur dieser Epoche (496 Seiten, 22,95 Euro).

Quelle: op-online.de

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