Ärztemangel im Landkreis

Kompromiss nicht leicht zu finden

Darmstadt-Dieburg - Ist die flächendeckende Versorgung von medizinischen Fachkräften Angelegenheit des Staates oder doch eher Sache privater Investoren und Gesundheitsdienstleister? Darüber wurde jetzt im Kreistag diskutiert.

Eines ist sicher: In ländlichen Gebieten – und dazu gehören große Teile des Landkreises Darmstadt-Dieburg – schrumpft die Zahl der Ärzte, insbesondere der Hausärzte. Im Landkreis ist der Versorgungsgrad bereits auf unter 90 Prozent gesunken, und die Situation droht sich zu verschärfen, da viele Allgemeinmediziner bald die Altersgrenze erreichen und keinen Nachfolger finden. Ob und wie viel staatliche Institutionen dagegen tun können, ist politisch umstritten. Im Kreistag kam es jetzt zu einem Kompromiss zwischen staatsinterventionistischen und wirtschaftsliberalen Kräften.

Diskussionsgrundlage war das umfangreiche Papier „Zukunft Gesundheit“, das Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD) vor rund einem Jahr vorgelegt hat. Immer wieder wird es erwähnt, ohne dass es auf Kreisebene bisher umfassend diskutiert worden ist. In Vorbereitung der jüngsten und letzten Kreistagssitzung dieser Wahlperiode am Montag haben sich Vertreter aller Fraktionen zusammengesetzt, um zumindest eine gemeinsame Position zum ersten, mit „ambulante Versorgung“ überschriebenen Kapitel, zu finden.

Schellhaas favorisiert die Einrichtung medizinischer Versorgungszentren (MVZ), in denen Ärzte als Angestellte mit geregelter Arbeitszeit beschäftigt sind. Ein solches MVZ gibt es bereits in Ober-Ramstadt, der Aufbau einer vergleichbaren Einrichtung in Reinheim ist an rechtlichen Hürden gescheitert, ein neues MVZ ist an der Kreisklinik in Seeheim-Jugenheim entstanden.

Den Weg einer völligen „Verstaatlichung“ der ambulanten Versorgung wollen CDU und FDP allerdings nicht mitgehen. Und so werden im Kompromiss jetzt zwei Richtungen gewiesen: „Die Etablierung eines medizinischen Versorgungszentrums stellt […] ein geeignetes Instrument dar. Hierbei kann der Landkreis sowohl in beratender Form für niedergelassene Ärzte und Gesundheitsdienstleister als auch als Gründer und somit Anteilseigner oder Inhaber eines MVZ tätig werden.“

Man kann daraus „Privat vor Staat“ herauslesen, wie das der aus dem Kreistag scheidende FPD-Grandseigneur Klaus Jürgen Hoffie ebenso wie der CDU-Fraktionsvorsitzende Lutz Köhler dann auch taten. Nachdenkliche Töne kamen von der Grünen Brigitte Harth, die dem nächsten Kreistag ebenfalls nicht mehr angehören wird. Sie prophezeite, dass eine Konkurrenz zwischen niedergelassenen Ärzten und MVZ nicht gänzlich ausgeschlossen werden könne, dass MVZ zur Konzentration des ärztlichen Dienstleistungsangebots und damit auch zu längeren Wegen für die Patienten führen werden.

Alle Sprecher stellten schließlich fest, dass damit nun ein Beschluss zum ersten Abschnitt des Schellhaas’schen Gesundheitspapiers gefasst sei, die Diskussion zum zweiten („Pflegeeinrichtungen“) und dritten („Integration in einen Gesundheitskonzern“) Abschnitt aber noch ausstehe.

Im Gesundheitspapier von Landrat Schellhaas wird die aktuelle Situation so geschildert: „Im Landkreis verteilen sich derzeit insgesamt 159 Hausärzte auf 110 Standorte, wovon im Jahr 2015 altersbedingt voraussichtlich 35 Ärzte eine Nachfolge suchen werden. 2017 sind es bereits 52, in 2020 voraussichtlich 68 Hausärzte, wenn diese ihre Praxis mit 65 Jahren abgeben werden. Nach Berechnung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) fehlen in 2014 bereits 14 Hausärzte im Landkreis. Aufgrund dessen werden die Wege zum Arzt immer größer, die Bevölkerung jedoch immer älter und standortgebundener. (hol)

Quelle: op-online.de

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