Interview mit Gabi Coutandin

„Babenhausen ist im Aufbruch“

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Hat jetzt wieder mehr Zeit für eins ihrer Hobbys. Gabi Coutandin vor ihrer gut gefüllten Bücherwand.

Babenhausen - Gabi Coutandin war sechs Jahre Bürgermeisterin in Babenhausen. Aus Altersgründen trat sie nicht mehr an. Mitte Januar gab sie den Stab an Achim Knoke weiter. Redakteur Stefan Scharkopf sprach mit ihr über ihre Zeit an der Verwaltungsspitze.

Frau Coutandin, rückblickend: Was haben Sie in Ihren sechs Jahren als Bürgermeisterin erreicht?

Zusammengefasst würde ich sagen, dass Babenhausen im Aufbruch ist. Nicht nur baulich, auch auf anderem Gebiet, zum Beispiel bei kulturellen oder sozialen Initiativen wie dem LebensMittelPunkt (LMP). Es ist ja auch nicht so, dass es vorher gar nichts gab. Vorhandenes habe ich durch verschiedene Aktionen sichtbar gemacht. Die Art-Tage beispielsweise waren eingeschlafen, jetzt gibt es wieder Kunst- und Kulturtage.

Sind Sie denn gern ausgeschieden?

Ja und nein, ich hätte es dem Wähler gegenüber für unfair erachtet, wenn ich nach der Wahl nach zwei Jahren wieder abgetreten wäre. Aber ich hätte nur zwei Jahre machen können. Bis 69 in diesem Job zu arbeiten, halte ich für schwierig. Er ist bereichernd und macht Spaß, aber er kostet auch viel Kraft. Und diese hätte ich für weitere sechs Jahre nicht gehabt.

Was hat denn die meiste Kraft gekostet?

Beim Bürgermeister schlagen meist die negativen Seiten auf, die positiven nimmt man eben so mit. Die Bürgerschaft sieht in dem Amt eine Problemlösung für alles. Wie verbessere ich die Steuereinnahmen, die Finanzlage, wie bringe ich die Bahn dazu, den Umbau voranzutreiben, welche Strategie ist die erfolgversprechendste für die Kaserne? Nichts davon ist einfach. Der andere Aspekt ist die politische Sicht. Ich habe das Gefühl, dass oft nicht die Sache im Mittelpunkt steht, vielleicht, weil sich die Leute seit Jahrzehnten kennen. Es geht eher darum, wer sich in der Opposition populärer verkaufen und sich Unpopulärem verweigern kann. Dabei würden diese Stadtverordneten, wenn sie an der Regierung wären, genau die gleichen Entscheidungen treffen. Hier fehlt es an Redlichkeit. Bei den neuen Stadtverordneten könnte es eher gelingen, den Blick in der Sache nach Vorne zu richten.

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

Dass es gelungen ist, die Brandruine an der B26 zu beseitigen und dass VW kommt. Schön finde ich die Initiative des LMP, dass sozial Benachteiligte, von denen es viele gibt in Babenhausen, noch eine Anlaufstelle haben. Die Sache nahm im Rathaus ihren Anfang.

Mit dem Bahnhofumbau wurde ein großes Rad gedreht...

...ja, wobei dies schon lange gewollt war. Da gab es großes Klinkenputzen, jetzt ist es nach all´ den Jahren etwas geworden.

Was hätten Sie gerne noch umgesetzt?

Ich finde es unglaublich, dass sich seit dem Abzug der Amerikaner 2007 so wenig in der Kaserne getan hat. Die Politik hatte sich bis 2008 Zeit gelassen, um zu überlegen, was dort passieren könnte. Dann gab es den Europan-Wettbewerb, 2009 die Qualitätsziele. Es hatte sich zuvor abgezeichnet, dass alle wissen wogegen sie sind, aber nicht wofür. Danach haben wir zusammen mit der Bima den Rahmenplan erarbeitet. Dass der aber dann nicht zügig umgesetzt werden konnte, ist bedauerlich. Die europaweite Ausschreibung der Konversionsfläche durch die Bima war aus unserer Sicht nicht nötig. Das hat uns mehr als ein Jahr gekostet, und das ohne Ergebnis. Im Juni 2013 haben wir den Erstzugriff angemeldet, weil die Bima die Segmentierung der Fläche ins Gespräch brachte. Wir hatten uns an dem Preis von vier Millionen Euro orientiert, der bei der Bima-Ausschreibung genannt wurde. Dann ging das Gewürge los. Nicht nach dem Rahmenplan sollte die Bewertung stattfinden, sondern nach dem Investorenkonzept. Erst im Jahr 2015 erfährt die Stadt, was die Bima für dieses Gelände haben will. Ab Juni 2013 hatte sie die Möglichkeit, uns dies mitzuteilen.

Der Neubau der Kita Kunterbunt hat hohe Wellen geschlagen. So sieht anderswo ein Landratsamt aus...

...ich finde den Neubau architektonisch sehr gelungen...

...er war aber sehr teuer...

...da werfe ich mir vor, dass ich die Angelegenheit strategisch nicht gut angegangen bin. In der Diskussion werden immer die Baukosten mit anderen Aufwendungen vermengt. Die reinen Baukosten lagen bei 3,5 Millionen Euro für sieben Gruppen, 500 000 Euro für jede. Das ist der übliche Preis. Ich hatte unter Schwarz-Grün angefangen, CDU/Grüne hatten mir 2,7 Millionen für einen Neubau in den Haushalt reingeschrieben. Es war völlig klar, dass für dieses Geld keine sieben Gruppen gebaut werden können. Ich hätte bei der Kommunalaufsicht widersprechen müssen. Das habe ich nicht getan, weil ich mich damals noch nicht so gut auskannte. Bürgermeister ist ein Job, bei dem man täglich dazulernt.

Stichwahl in Münster: Gerald Frank gewinnt

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Bei der Ansiedlung von Gewerbe fällt auf, dass es oft lediglich Umzüge bereits bestehender Firmen gab und weniger Neuansiedlungen...

Es gab zu Beginn meiner Amtszeit ein Gewerbemonitoring, da hatten die ansässigen Betriebe moniert, dass es keine Erweiterungsmöglichkeiten gibt; etliche Firmen sind deshalb abgewandert. Priorität war, den bestehenden Betrieben Erweiterungen zu ermöglichen, so dass sie bleiben. Auf dem Elb-Schliff-Gelände hat eine ganz gute Entwicklung stattgefunfen. Dort haben sich neue Firmen angesiedelt. Mit der K&S-Seniorenresidenz 2012 sind 80 Arbeitsplätze neu entstanden. VW kommt nicht mit vielen Leuten, wird aber mittelbar für Arbeitsplätze in der Hotellerie sorgen. Man kann sich Arbeitsplätze nicht backen, aber wir haben die Rahmenbedingungen dafür verbessert. Es haben sich weitere Firmen niedergelassen. In überschaubarem Rahmen, das stimmt, aber es ging zunähst mal um Erweiterung, beispielsweise bei den Firmen A&Ö, die Fahrschule Zeiss oder die Firma Hofmann.

Der Haushalt ist defizitär, Sie hätten anders an verschiedene Punkte heran gehen müssen...

..das sehe ich nicht...

...die Stadtkasse ist leer, Babenhausen ist verschuldet...

...wir haben im Wesentlichen in Kindergartenerweiterung investiert und die Markwaldhalle musste saniert werden. Andere Hallen kommen noch dran, sonst ist der Brandschutz nicht gewährleistet und sie müssen schließen. Im Bereich der investiven Kosten sehe ich keine Möglichkeiten, wir sind schmal gefahren. Meine Vorgänger haben leider versäumt, in Zeiten, in denen massive Gewerbesteuereinnahmen durch VDO geflossen sind, die Immobilien in Schuss zu halten. Jetzt, wo wir kein Geld haben, müssen wir es machen und dafür Kredite aufnehmen, das ist ein Versäumnis aus früheren Zeiten. Mein direkter Vorgänger hatte schon den Investitionsstau beklagt. Unser strukturelles Defizit liegt nicht im investiven Bereich...

...sondern?

...im Aufwand, also in den Betriebskosten der Verwaltung. Wir arbeiten ja schon seit Jahren mit Haushaltssperren und haben nur noch Leute eingestellt, wenn es unumgänglich war. Wir haben 5,5 Stellen eingespart, obwohl sehr viele Aufgaben dazugekommen sind in der Kinderbetreuung, im Sozialbereich oder im Abwasserbetrieb. Man hätte die Kosten herunterfahren könne, indem man Hallen schließt. Das ist natürlich immer möglich. Oder die Vereine bekommen kein Geld mehr. Aber damit macht man die Lebensqualität der Stadt kaputt. Wer zieht dann noch gerne hierher?

Ihre Vorgänger Rupprecht und Lambert konnten und wollten von Kommunalpolitik nicht lassen. Sehen wir Sie nach den Wahlen ebenfalls im Stadtparlament oder im Magistrat?

Im Parlament, Magistrat oder im Ortsbeirat nicht. Das schließe ich aus. Aktiv werde ich in der SPD weiter arbeiten und ich möchte mich ehrenamtlich engagieren.

Quelle: op-online.de

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