Vorbereitung auf den Frühling

Ein kleines Paradies mit Auflagen

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Es macht Freude, eine Parzelle bei den Kleingärtnern zu bewirtschaften. Doch es geht nicht ohne Vorschriften. Dieser Baum ist eindeutig zu hoch: Über 2,50 Meter sollten die Obstbäume in der Kolonie nicht werden. Die Einhaltung der Richtlinien durch die Pächter beschäftigt den Vorstand um Reinhold Kruschina mehr als ihm lieb ist. 

Babenhausen - Ende März überwiegen die Braun- und Grautöne in der Schrebergartenkolonie südwestlich des Schlosses. Noch tragen die Bäume kein grünes Blattwerk, noch ragen keine Gemüseköpfe aus dem Boden. Von Michael Just 

Weil sich das bald ändert, sind die Vorbereitungen der Pächter in vollem Gange. Abgestorbene Pflanzenteile werden entfernt, der Boden gelockert, dazu die mehr oder weniger repräsentativen Lauben einem Frühjahrsputz unterzogen.

„Derzeit haben wir drei freie Gärten“, erzählt Vorsitzender Reinhold Kruschina. Parzellen gibt es insgesamt 70, die kleinsten zählen 250, die größten 550 Quadratmeter. 15 Euro beträgt die Jahresmitgliedschaft im Verein, 13 Cent fallen je Quadratmeter an. Ein kleines Gärtchen lässt sich so schon, mit Wasserverbrauch, für rund 120 Euro im Jahr haben. Dass noch Grundstücke frei sind, ist für Kruschina nicht ungewöhnlich: „Die Fluktuation ist groß“, sagt er. Vor allem betagte Senioren stiegen oft aus. Der Grund: Wer ein Areal besitzt, kommt um die Gartenarbeit nicht herum. Die Bewirtschaftung ist quasi mit der Aufteilung des Bodens vorgegeben: je ein Drittel für Obstanbau, für Gemüse und für Freizeit, sprich Rasen und die Laube. Die Statuten kommen vom Land Hessen, dem die Fläche gehört. Der Kleingartenverein setzt sie um.

Die Drittelteilung ist nicht jedermanns Sache. „Die meisten würden heute lieber nur noch Rasen machen, um keine Arbeit zu haben. Damit haben derzeit alle Gartengemeinschaften zu kämpfen“, sagt der 65-Jährige. Der ehemalige technische Angestellte findet das schade: Denn beim Geschmack zwischen dem eigenen, meist naturbelassenen Obst und Gemüse und dem aus dem Supermarkt liegen für ihn Welten. Beim Gemüse werden in der Kolonie am häufigsten Tomaten angepflanzt.

Der Deutschen liebstes Gemüse bringt nicht selten Probleme mit sich: Ist eine Pflanze, etwa durch die Braunfäule, krank, verteilt sich der Pilz schnell auf alle Parzellen. In der Folge müssen die Kletterstangen gut gereinigt und die schwarzen Äste außerhalb der Anlage entsorgt werden.

Kartoffelkäfer werden akribisch bekämpft

Argwöhnisch wird das Anpflanzen von Kartoffeln gesehen – selbst dann, wenn die Kartoffelkäfer akribisch bekämpft werden. Denn die Krabbler ärgern stets auch die Nachbarn, da sie andere Nachtschattengewächse, Auberginen, Paprika und Tomaten, ebenfalls befallen. „Neben dem Grillen sind es vor allem die Kartoffelkäfer, die zu Konflikten führen“, berichtet Kruschina. Den Käfern Herr zu werden sei schwierig: „Egal was man tut, meist sind sie doch da“, weiß der Experte.

Neupächter zeigen sich erstmal von den vielen Auflagen überrascht, denn das kleine Paradies abseits der städtischen Siedlung bedeutet nicht Freiheit pur. Die Richtlinien sind umfangreich. So verbringt der Vorstand viel Zeit damit, für deren Einhaltung zu sorgen. „Die Kleingärtner sind die schnellsten Baumeister der Welt. Über Nacht steht wieder was“, sagt Kruschina. Ein häufiges Streitobjekt sind auch die Lauben: Sie dürfen nicht größer als 24 Quadratmeter inklusive Vordach sein. Daran halten sich nicht alle. Die Aufforderung zum Rückbau kommt bei vielen gar nicht gut an. Generell sind „alle mit dem Boden verbundenen Bauten“ vom Vorstand zu genehmigen. Dazu zählen neben Lauben Unterstände, Grillvorrichtungen und Teiche.

Ein weiteres Streitobjekt: die Baumhöhe. Sie ist auf 2,50 Meter begrenzt. Eigentlich müssten viele Pächter jährlich die Schnittschere ansetzen – tun sie aber nicht. So gibt es Bäume, die sieben Meter und mehr zählen. Zudem sorgen unterirdische Wurzeln für überirdische Verstimmungen zwischen Nachbarn.

In der Konsequenz sind Hochstämme der Süßkirsche und Walnussbäume aufgrund ihrer Verwurzelung verboten. Waldbäume sind ebenfalls tabu. Bei der Süßkirsche sind nur zertifizierte Halbstämme erlaubt, die teuer sind. Generell gilt: Wer gegen die Richtlinien verstößt, wird angesprochen, zur Not abgemahnt und muss im schlimmsten Fall mit der Aufhebung des Pachtvertrags rechnen.

In der Saison ist Kruschina fast täglich in der Kolonie und wird immer wieder mit Problemen, Konflikten und Anfragen konfrontiert. „Eigentlich müsste ich eine Sprechstunde einrichten“, sagt er. Das würde Sinn machen: Denn Zeit für seinen Garten soll schließlich auch noch bleiben und seine Erdbeeren, Erbsen, Buschbohnen, Stachelbeeren und das südländische Kräuterbeet möglichst große Erträge bringen.

Quelle: op-online.de

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