Babenhäuserin ist Hessens beste Jungfrisörin

Ganz nahe an der Perfektion

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Die Babenhäuserin Elena Wottrich (rechts) ist konzentriert bei der Arbeit.

Babenhausen/Dieburg - Kurz, lang, stufig, Bob oder mit Pony – wenn es ums Haare schneiden geht, haben Frauen viele Möglichkeiten für eine Typveränderung. Doch wie ist es, sich von Hessens bester Jungfrisörin beraten zu lassen? Ein Selbstversuch. Von Corinna Hiss 

Ich mag es nicht experimentell. Und auf keinen Fall will ich kurze Haare haben. Früher trug ich mal Pony, jetzt nicht mehr. Vielleicht sollte ich aber wieder... Viele Fragen schießen mir durch den Kopf, als ich im Dieburger Frisörsalon Gottwald sitze und mein Spiegelbild betrachte. Heute sage ich nicht von vorneherein,was ich will, heute lass ich mich von Elena Wottrich beraten. Die 22-jährige Babenhäuserin hat im Januar ihre Lehre bei den Gottwalds beendet – als Beste innerhalb der Frisörinnung Dieburg-Erbach. Und damit nicht genug: Im Wettbewerb gegen die Besten aller hessischen Innungen landete sie nun ebenfalls auf Platz eins. Wenn also eine weiß, welcher Haarschnitt mir steht, dann sie.

„Die meisten Stammkunden kommen mit bestimmten Vorstellungen in den Laden“, erzählt sie. „Aber es gibt auch welche, die wollen eine Veränderung.“ Ich bin eine von ihnen. Doch Elena Wottrich schnippelt nicht einfach drauf los, sondern fragt mich zunächst, was mir so vorschwebt. „Es ist wichtig, den Wunsch der Kunden zu treffen“, sagt sie. Ich teile meine Überlegungen mit ihr: Wie wäre es wieder mit einem fransigen Pony? Nein, meint die Babenhäuserin freundlich, dazu sei meine Stirn zu kurz. „Das Gesicht würde zu gedrückt wirken“, sagt sie. Auch von einem Stufenschnitt rät sie mir ab, schließlich habe ich zwar „feine, aber viele Haare“. Und durch Stufen würde mir genau das Volumen genommen. Letztendlich einigen wir aus auf leichte Stufen vorne ab Kinnlänge und Locken mit Hilfe des Glätteisens.

Nachher-Bild: OP-Redakteurin Corinna Hiss mit leichten Stufen und Locken. Foto: Th. Meier

Ich bin zufrieden: Die junge Frisörin, die vor der Ausbildung an der Fachhochschule für Gestaltung ihren Abschluss machte, hat gut erkannt, wie mein Haar bestmöglichst zur Geltung gebracht werden kann. „Jeder Kopf ist anders, jedes Haar fällt anders, kein Schnitt ist der gleiche“, spricht sie die Herausforderung aus, vor der sie als Frisörin täglich steht. Ihren Kunden ist sie Beraterin und dazu gehört manchmal auch, eine Idee auszuschlagen. „Wenn jemand unbedingt Pony will, es ihm aber überhaupt nicht stehen würde, sage ich das schon deutlich“, erzählt die Blondine. „Letztendlich führe ich aber den Wunsch meiner Kunden aus.“

Die Babenhäuserin, die jetzt Hessens beste Jungfrisörin ist, hat ihre Ausbildung zuerst in Seligenstadt angefangen, dort aber nach kurzer Zeit gekündigt. Im Studio von Frisörmeister Klaus Gottwald und seiner Frau Roswitha fand sie schließlich den perfekten Arbeitsplatz. „Hier kann ich viel lernen und habe eine breit gefächerte Kundschaft“, sagt Elena Wottrich, die nach der Ausbildung fest im Betrieb übernommen wurde.

Während sie im Salon eher Alltagsfrisuren kreiert, ging es beim Landeswettbewerb künstlerisch zu. 90 Minuten Zeit hatte sie für einen Damenschnitt, 60 Minuten für den Herrenschnitt und 40 Minuten für eine aufwändige Hochsteckfrisur. Damit für jeden Teilnehmer der 23 hessischen Innungen die gleichen Bedingungen herrschen, wurde dieses Jahr erstmals an Puppen geschnitten. Das hat auch den Vorteil, dass die Werke am Ende ausgestellt werden können.

Elena Wottrichs preisgekrönte Köpfe stehen jetzt im Salon, sodass sich jeder ein Bild von ihrem Können machen kann. Wie groß die Konkurrenz allerdings war, zeigte die Punktevergabe: Sogar der zwölfte Platz erreichte 93 von möglichen 100 Punkten. Die Babenhäuserin schaffte 99,17 und ist damit ganz nahe an der Perfektion. „Alle waren gut“, erinnert sie sich, „aber am Ende zählen Kleinigkeiten.“ Ihrem Damenkopf verpasste sie eine schicke Kurzhaarfrisur, die männliche Puppe bekam einen lässigen Schnitt und die Hochstreckfrisur des dritten Kopfes eignete sich mehr für den roten Teppich als fürs Büro. Die Jury lobte bei ihr vor allem das sauberes Arbeiten: Keine Strähne stand ab, der Dutt saß präzise und fest und auch die Flechtung war hervorragend.

Mit der Genauigkeit, die sie bei ihren Modellen an den Tag legte, befasst sich die 22-Jährige nun auch mit meinen Haaren. Sie schneidet Spitzen, prüft die Länge, trennt einzelne Strähnen für die Stufen ab. Vieles ist Technik, die man in der Ausbildung lernt, sagt sie, aber dazu gehört eben auch Talent. Räumliche Vorstellungsgabe sind dabei ebenso wichtig wie ein Gespür für Ästhetik. „Ich liebe meinen Beruf“, schwärmt die kreative junge Frau, die ebenso gerne zeichnet und fotografiert. „Man sieht schnell Ergebnisse.“

An ihrem Alltag hat sich nach dem Landeswettbewerb bis jetzt noch wenig geändert. Doch die nächste Hürde steht bereits an: Am 8. November tritt sie in Nürnberg gegen die Besten aus allen Bundesländern an. Fünf Wochen hat sie nun Zeit, ihre Puppenköpfe zu schminken, die Haare zu färben und sich auf die Schnitte vorzubereiten. Der Druck ist groß, schließlich geht es um den Titel für Deutschlands beste Jungfrisörin.

Als sie mir mit flinken Handgriffen in meinem herunterhängenden Haar Locken mit dem Glätteisen verpasst, die sich fast wie von selbst um mein Kinn schmiegen, bin ich mir sicher: Das schafft sie!

Quelle: op-online.de

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