Stolpersteine für jüdische Familie Kahn

Nie wieder vergessen

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Der Kölner Künstler und Initiator Gunter Demnig legt bei den Stolpersteinen selbst Hand an.

Babenhausen - Karl und Paula mit ihren drei Töchtern Suse, Liesel und Miriam – sie alle wurden 1942 aus ihrer Wohnung in der Babenhäuser Innenstadt ins Konzentrationslager im polnischen Piaski deportiert. Von Corinna Hiss 

Ihrem Tod gedenken jetzt fünf Stolpersteine, die gestern feierlich in dem Bürgersteig eingebettet wurden. „Schicksal unbekannt“ steht ganz nüchtern auf den goldfarbenen Steinen, die der Kölner Künstler Gunter Demnig entworfen hat. Mit seinem Projekt hat er bereits mehr als 50.000 solcher Gedenkwürfel in ganz Deutschland verlegt, die allesamt an das Schreckliche erinnern sollen, das Juden im Dritten Reich widerfahren ist. Auch Familie Kahn hat solches erlebt. Vater Karl, gebürtiger Sickenhöfer, erkannte das Unheil bereits früh und stellte einen Antrag auf Auswanderung nach Südafrika. Doch dann wurde Ehefrau Paula schwanger – die Reise musste also warten. Besonders tragisch: Das Kind kam tot zur Welt, der Antrag wurde abgelehnt, ihr Schicksal war besiegelt. Einzig die älteste Tochter Ruth zog 1939 zurück in ihre Geburtsstadt Lorsch und konnte so der Deportation entgehen.

„Wir sind nicht gewillt, zu vergessen“, sagt Bürgermeister Achim Knoke gestern und mahnte zu einem Menschenbild des Respekts, das unabhängig der Religionen herrschen sollte. Ortsvorsteher Walter Herbert betonte indes die Besonderheit der Stolpersteine: „Sie begegnen uns im täglichen Leben. So sind die Opfer mitten unter uns.“ Auch Langstadt und Sickenhofen ist mittlerweile mit ihnen gepflastert, im nächsten Jahr soll noch Hergershausen drankommen. Die 32 Stolpersteine, die es bis jetzt in Babenhausen gibt, verdeutlichen, wie aktiv das jüdische Leben in der Gersprenzstadt war – und auf welch grausame Weise es ausgelöscht wurde. Mit dem Erinnern hatte sich auch eine neunte Klasse der Offenen Schule im Religionsunterricht beschäftigt. Nina Goschier und Nina Heisack ließen die Anwesenden an der Lebensgeschichte der Kahns teilhaben und gaben ein bewegendes Gedicht zum Besten. „Wer sind die Täter? Ich kenne sie nicht. Ich bin nicht verantwortlich“, hieß es darin, und immer wieder: „Erinnern – warum?“.

Stolpersteine in Rodgau verlegt (Archiv)

Großes Interesse an ersten „Stolpersteinen“

Neben den Schülern und interessierten Bürgern waren auch Vertreter aus Lorsch angereist, die mit der Geschichte der Kahn ebenfalls verbunden sind. Gunter Demnig ließ höchstpersönlich die fünf Quadrate in den Bürgersteig vor der Fahrstraße 80 ein, der ehemaligen Wohnung der jüdischen Familie. Unter die zwei Steine der Eltern platzierte er neben den drei Exemplaren für die Kinder noch einen vierten, symbolischen Würfel. „Ruth darf nicht fehlen“, sagte er. „Auch wenn sie nicht aus Babenhausen deportiert wurde, hat sie der Tod woanders eingeholt.“ Rund 500 Euro kostet ein Stolperstein. Für die gestrige Verlegung hatten lokale Unternehmen über 2 800 Euro gespendet. Weitere Stücke wurden in der Fahrstraße 54 befestigt (Kallmann und Gudel Idstein), der Fahrstraße 11 (Jenny Kahn und Hermann Götz), der Backhausgasse 9 (Jakob, Nanette, Kurt und Hilde Fuld) und im Hainweg 2 (Hermann Fuld).

Quelle: op-online.de

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