Millimeterarbeit im Dachstuhl

Kaputte Glocke der Stadtkirche auf dem Weg nach Holland

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Was früher nur mit Männerkraft möglich war, schafft heute ein Kran: Der Ausbau der Glocke gestaltet sich dennoch problematisch.

Babenhausen - Seit 1383 ruft die älteste Glocke der Stadtkirche die frommen Babenhäuser ins Gotteshaus. Seit dem letzten Weihnachtsfest unterbricht ein 30 Zentimeter langer Sprung diese mehr als 630-jährige Tradition. Jetzt wurde die Glocke für die Reparatur ausgebaut und abgeholt. Von Michael Just

Um kurz nach 12 Uhr brummt und piept es hinter der Stadtkirche. Ein riesiger Teleskopkran parkt ein, zudem werden Absperrbänder ausgerollt. Nachdem Fahrer Jannik Fuchs die Stabilisierungsfüße des 36 Tonnen schweren Monstrums ausgefahren hat, schraubt sich der Kran in den Babenhäuser Himmel. Aus zwölf Metern Höhe hievt der Ausleger eine Glocke aus einer eigens geschaffenen Öffnung im Dachstuhl der Stadtkirche und manövriert sie langsam auf eine große Palette am Erdboden. Eine Spedition wird sich ihrer am Nachmittag annehmen und sie in einen Fachbetrieb im holländischen Aasten zum Schweißen bringen.

Seit dem 26. Dezember läutet die Glocke, die der Gottesmutter Maria geweiht ist und im fünfteiligen Ensemble am höchsten hängt, nicht mehr. Grund dafür ist ein Riss. „Seitdem fehlt der Es-Ton“, weiß Christoph Kleinert vom Kirchenvorstand. Der Defekt hat ihn in den letzten Wochen hinreichend beschäftigt. Zum einen werden die Kosten mit fast 15.000 Euro zu Buche schlagen, zum anderen ist der Weg des Klangkörpers aus dem Gotteshaus kompliziert: Trotz des Krans wird zusätzlich ein Loch im Kirchendach benötigt.

200 Kilo schwer und unhandlich

Die Arbeiten beginnen bereits um 6 Uhr morgens, gleich mehrere Firmen sind an dem Projekt beteiligt. Zuerst wird ein Gerüst in Stellung gebracht, um 8 Uhr sorgt Dachdecker Günther Wondra mit einem Kollegen für das Loch im Gebälk, indem er Ziegel und Dachlatten entfernt. Sägen müssen sie nicht: „Wir haben die Nägel aus den Dachlatten gezogen“, erklärt Wondra. Die geschaffene Öffnung misst 85 auf 207 Zentimeter. Damit passt die Glocke mit ihrer Breite von 72 Zentimetern ganz knapp hindurch.

Der schwierigste Part kommt auf Michael Schneider und David Kloft von der Flörsheimer Turmuhr- und Glockentechnikfirma „Höckel und Schneider“ zu: Da die Fenster neben dem Geläut zu klein und zudem vom Glockenstuhl versperrt sind, müssen sie den 200 Kilo schweren Bronzeguss über mehrere Ecken in den Dachstuhl ablassen. Hierfür ist Millimeterarbeit nötig, denn sämtliche Auf- und Durchgänge haben die mittelalterlichen Baumeister lieber eng als breit angelegt. Die Experten agieren mit modernen Seilzügen, Ketten und Bändern. Zuerst schaffen sie aber noch eine andere Glocke aus dem Weg, die direkt über der Zugangsluke hängt. Auch eine Holztreppe weicht für die freie Bahn in den frühen Morgenstunden. Im Dachstuhl angekommen, wird das gute Stück auf einem Rollwagen zum Dachdurchbruch geschoben.

Faszinierte Zuschauer

Obwohl die Glocke mit ihrem Spiel schon Erasmus Alberus – er reformierte im 16. Jahrhundert Babenhausen – erfreute, bleibt bei den Arbeiten kaum Zeit für Reminiszenzen. „Im Moment bin ich ganz pragmatisch und will nur, dass sie wie vorher erklingt“, sagt Christoph Kleinert. Als der Kran die Glocke heraushebt, ist auch der evangelische Kindergarten da. Die Kleinen beobachten fasziniert das Spektakel. Erwachsene Zaungäste lassen sich aufgrund des Werktages nur in geringer Zahl ausmachen. Jene, die sich den Termin gemerkt haben, meinen, dass sie sich die Glocke größer vorgestellt haben.

Dass sie trotzdem etwas ganz Besonderes ist, hebt Michael Schneider heraus: „Viele Glocken sind der Waffenproduktion im zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Und das, obwohl Bronze für diesen Zweck nicht geeignet ist.“ Damals hätten die Kirchen nur eine Glocke, meist die kleinste, behalten dürfen. So bezeichnet er das Babenhäuser Exemplar in jeder Beziehung als Glücksfall. Jener Glücksfall besteht zu 70 Prozent aus Kupfer und zu 30 Prozent aus Zinn. Der vorhandene Grünspan, und damit die Patina, wird während der Reparatur nicht entfernt: „Es ist ein gesunder Rost, der zum Schutz des Grundmaterials beiträgt“, sagt David Kloft.

Der Glockenspieler vom Bartholomäusturm

In rund acht Wochen wird die Glocke zurückerwartet. Solange übernehmen die vier verbliebenen Schwestern – mit eingeschränkter Klangvielfalt – das Geläut. Drei von ihnen wurden 1955 eingesetzt. Diese Tage damals erlebte Rentner Wilhelm Spiehl als Fest. Wie er sich erinnert, lieferte ein Lastwagen die Glocken. Mit Einbruch der Dunkelheit nahm sich die Feuerwehr ihrer an und brachte sie, von einem Fackelzug begleitet, in die Innenstadt. „Der Wagen war mit Waldgrün geschmückt, zudem musizierte ein Spielmannszug“, sagt der 71-Jährige. Am nächsten Morgen wurden die Glocken dann mit einem Flaschenzug hochgezogen. Einen Kran gab es damals nicht, sondern nur die Hände vieler starker Babenhäuser Männer.

Quelle: op-online.de

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