Eine Chefin gibt es noch nicht

Die Wildpferde fühlen sich „In den Rödern“ wohl

Besucher müssen schon Glück haben, die Pferde zu sehen. Unserem Leser Rolf Kreisel war es vergönnt, die Tiere beim Familienausflug aus der Nähe in Augenschein nehmen zu können. Meist stehen die Vierbeiner nicht am Zaun, sondern verlieren sich in dem riesigen Gelände.

Babenhausen - Vor knapp einem Jahr kamen die Przewalskis nach Babenhausen. Die fünf Stuten haben sich in ihrem neuen Biotop gut eingelebt. Von Stefan Scharkopf 

Wer Wilma, Wanda, Walli, Wera und Wendy sehen will, muss Geduld haben – oder ein Fernglas. Denn die fünf Damen verlieren sich auf dem über 80 Hektar großen Gelände. Tauchen sie dann doch mal am Zaun auf, kann man sehen, dass sie an Körperfülle zugelegt haben. Das darf als sicheres Zeichen dafür gelten, dass sich die Przewalski-Stuten wohlfühlen in ihrer neuen Heimat. Vor bald einem Jahr traten sie vom Wildnispark Langenberg bei Zürich aus ihre Reise in einem Spezialtransporter nach Babenhausen an; seither grasen sie friedlich auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz „In den Rödern“ hinter der ehemaligen Kaserne.

Das tierische Quintett ist Teil eines Artenschutzprojekts, in erster Linie des Bundesforsts, aber auch des Europäischen Zuchterhaltungsprogramms (EEP). Wie Paulin Kammann, Koordinatorin Wildpferde der Behörde, auf Anfrage sagte, haben sich die Przewalskis „recht gut“ eingelebt. „Auch die Betreuung durch Iris Malzkorn läuft prima.“

Zusammensetzung noch dieselbe

Ziel ist es weiterhin, die Wildpferde wieder in der Mongolei, ihrem Ursprungsland, anzusiedeln. Bis dahin haben die Tiere auch eine Aufgabe: Sie erhalten und pflegen die sandigen Flächen, die seltenen Pflanzen- und Tierarten die Chance gibt, einen idealen Lebensraum zu finden und das Refugium zu einem einzigartigen Habitat macht. Denn werden die Flächen sich selber überlassen, nehmen die Bestände von Birken, Weiden oder Kiefern zu und zerstören den für die seltenen Tiere und Pflanzen wichtigen Offenlandcharakter. Die Fünf lockern den sandigen Boden mit ihren Hufen auf, nehmen auch gerne mal ein Bad darin und erhalten so wichtige Strukturen im Babenhäuser Biotop.

Die Zusammensetzung der fünf Stuten ist noch dieselbe wie vor einem Jahr. „Es wäre zwar noch Platz für zwei bis vier weitere Tiere“, sagt Paulin Kammann, „aber ob es eine Aufstockung geben wird, ist eine Sache, über die das EEP in Kooperation mit den Tierärzten befindet.“ Noch habe sich in der Gruppe keine Führungsstruktur herausgebildet, eine Leitstute gebe es bislang nicht. Ob ein Hengst zur Herde kommen kann, ist ebenfalls unklar.

Zufrieden zeigt sich derweil die Stadtverwaltung mit den Besuchen vor Ort. Wie Sylvia Kloetzel, Fachbereichsleiterin Wirtschaft und Standortmarketing, sagt, liefen die Führungen gut. „Wir haben auch festgestellt, dass es Besucher gibt, die die Pferde sozusagen mitbetreuen, also andere Zaungäste darauf hinweisen, dass das Füttern unterlassen werden soll.“

Interessant ist das FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) auch für andere Naturbegeisterte. Das Przewalski-Projekt läuft bei der Unteren Naturaschutzbehörde des Landkreises bereits seit 2006. Damals machte sich die Kreisverwaltung Gedanken, wie nach dem Abzug der Amerikaner der Offenlandcharakter des Areals erhalten werden könnte. Weil die Beweidung durch Schafe nur eine vorübergehende Lösung sein konnte, kamen die Wildpferde ins Spiel, die sich sehr gut für die „Bearbeitung“ der steppenartigen Landschaft eignen.

Derzeit beschäftigt sich Anna Zöller in ihrem Freiwilligen Ökologischen Jahr mit dem Biotop. Die 24-Jährige, die sich nach einem Studium der Kunstgeschichte beruflich neu orientiert, erarbeitet einen Überblick über die Bedeutsamkeit der Landschaftspflege. Die Ergebnisse werden demnächst in einer Ausstellung im Foyer des Landratsamts in Kranichstein zu sehen sein. Dort können dann Interessierte erfahren, welchen Stellenwert Sand- und Silbergras, Heidelerchen und Schwarzkehlchen „In den Rödern“ haben.

Quelle: op-online.de

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